Sebastian Thiel
Briefe am 7.

Ich will doch nur durchkommen
 

Briefe am 7.


Berlin, den 7. Oktober 2017
Lieber B.!
Ich beginne mal chronologisch mit dem, was sich im letzten Monat ereignet hat und damit auch mit dem Positiven. Kurz nach meinem letzten Brief bin ich beim Sprinttriathlon in Erkner gestartet. Ich hatte mich bereits vor einem Jahr angemeldet und damals eine Zeit notiert, die ich erreichen wollte. In einem Jahr kann man sehr viel erreichen, denkt man immer. Und dann geht das Jahr so schnell vorbei.
Erkner-Triathlon (10.09.2017)In der Woche vor dem Wettkampf wollte ich noch einmal schwimmen gehen. Aber man glaubt ja nicht, dass tatsächlich alle vier Schwimmbäder in meiner Nähe auf einmal geschlossen haben. Sei es wegen Instandsetzungsarbeiten oder wegen verlängerter Ferien. Trotzdem lief das Schwimmen, wie ich erhofft hatte. Wenn ich sonst im letzten Drittel aus dem Wasser komme, so ist das Erreichen der vorderen Hälfte, schon ein Erfolg. Beim Wechsel rannte ich auch an allen, die kurz vor mir lagen, vorbei, war dann aber etwas hektisch und riss meine Startnummer vom Band. Das wiederum kostete mich eine halbe Minute. Trotzdem ist es natürlich schön, mittendrin im Feld zu liegen, als hinterherzufahren. Im Radfahren hatte ich etwas mehr erwartet, als ich letztendlich erreichte. Zu sehr bin ich in den letzten Jahren von ganz guten Radergebnissen trotz wenig Trainings verwöhnt worden, gerade auf so kurzen Strecken. Aber ein paar Plätze konnte ich gut machen. Lange fuhr ich mit der Drittplatzierten Frau zusammen (die allerdings drei Minuten nach mir gestartet war) und lief auch mit ihr zusammen los. 3,6 km sollte die Laufstrecke laut Ausschreibung lang sein. Da kann man nur die Augen zu machen und los sprinten. So ließ ich die Frau auch hinter mir und machte noch einige Plätze gut. Ich lief eine Zeit, die ich nicht für möglich gehalten hätte, auch wenn die Strecke wahrscheinlich sogar noch kürzer war. Aber ich lag mit der Zeit im ersten Fünftel.
Erkner-Triathlon (10.09.2017)Wenn ich beim Gesamtergebnis auf meine Altersklasse blicke, was am Ende ja entscheidend ist, so lag ich immerhin im ersten Drittel (8. von 25). Im Schwimmen verlor ich gut vier Minuten und im Radfahren knapp sieben Minuten auf die besten; im Laufen allerdings nur 30 Sekunden. Neulich schrieb mir ein Freund, du kannst es als schlechter Schwimmer nach Hawaii schaffen, aber nicht als schlechter Radfahrer oder Läufer. Dieses Ergebnis zeigt mir auf jeden Fall, wo ich mich in den letzten Jahren zu sehr ausgeruht habe und wo ich aber auch gar nicht so schlecht bin, wie ich manchmal befürchte. Und dann gilt es das Ganze natürlich auch noch auf längere Distanzen zu übertragen.
Dann folgte zwei Wochen später der Berlin-Marathon. Ohne Dich zu sehr zu langweilen, meine Uhr zeichnet ja auch meinen Schlaf auf. Dienstagnacht schlief ich immerhin 4,5 Stunden und stand um halb drei auf. Mittwochnacht schlief ich 1,5 Stunden, Donnerstagnacht 2 Stunden und stand jeweils um Mitternacht auf. Freitagnacht waren es wiederum 1,5 Stunden und ich stand um 23:30 Uhr schon wieder auf. Nachmittags gönnte ich mir immer ca. drei Stunden Schlaf. Wenn man will, kann man über Kohlenhydratreserven spekulieren, die beim Marathon nach 25-30 km aufgebraucht sind, oder darüber, dass ich keine längeren Strecken mehr trainiert hatte. Ich glaube, dass meine Reserven einfach aufgebraucht sind, weil ich schlicht und ergreifend viel zu müde bin.
Weil ich aber meine Ansprüche habe, versuchte ich trotzdem, die Zeit aus dem Frühjahr von 3:49 Stunden zu erreichen. Es ging bis km 26 und dann nicht mehr. In der Woche hatte ich schon überlegt, gar nicht zu starten. Letztendlich war ich aber froh, es so probiert zu haben. Nach 4:03 Stunden war ich im Ziel und mal wieder durchgekommen.
Nun ist aber endgültig klar, dass ich dem einen Ziel letzten Endes auch meinen Job unterordnen muss. Es fällt mir schwer, denn über zehn Jahre habe ich mich hochgearbeitet. In der vergangenen Woche habe ich um 23 Uhr begonnen zu arbeiten und war dafür verantwortlich, dass mehr als 100 Leute einerseits ihre Arbeit wiederum um 1 Uhr aufnehmen und verrichten können und andererseits dies auch motiviert tun. Allerdings kann es für mich und meine Ziele, aber auch für Anja und unser Zusammenleben so nicht mehr lange weitergehen.
Dein S.


Berlin, den 7. September 2017
Lieber B.!
Vor einem Jahr habe ich Dir nach unserem zweiwöchigen Sommerurlaub relativ begeistert berichtet, dass ich Roy Hinnens Buch
Triathlon Total gelesen habe und glaube, dass ich Triathlon und das Training mit neuen Augen betrachten muss. Danach habe ich mehr oder weniger das anstehende Jahr periodisiert, aus Hinnens Lauf-Formel einen Marathon-Trainingsplan gestaltet und anschließend versucht, nach seinem 14-Wochen-Plan für einen Halbdistanz-Triathlon zu trainieren. Weder im Marathon noch im Triathlon habe ich mich dann gesteigert oder die Leistung erzielt, die ich mir erhofft hatte. Aber gerade wenn ich auf das Triathlontraining zurückblicke, muss ich zugeben, dass ich nur vier Wochen so eingehalten habe, wie es der Plan vorgab. Mit der Arbeit und privaten Dingen, war der Plan für mich einfach nur schwer zu vereinbaren.
Kroatien (August 2017)Nun habe ich während unseres zweiwöchigen Urlaubs in Kroatien ohne Druck und Erwartung eines Ergebnisses die Gedanken über Training, Wettkämpfe und Ziele schweifen lassen. Das Wichtigste ist, die Lust darauf, noch einmal schneller zu werden und weiterhin erstmal kürzere Distanzen in Angriff zu nehmen, ist ungebrochen. Und mein Glaube daran, dass es irgendwann funktioniert ebenfalls.
Daher werde ich künftig meine Trainingspläne wieder selbst schreiben, wie ich es ja auch die letzten 25 Jahre gemacht habe. Unterbewusst (oder auch bewusst) baue ich dann ohnehin Dinge ein, die ich irgendwann irgendwo gelesen habe. Und im großen und ganzen habe ich ja meine Ziele auch immer erreicht. Warum aber soll ich meine Erfahrung ignorieren? Denn letztendlich kann nur ich meinen Alltag beurteilen und sehen, welche Einheit in welchem Tempo gerade und in den bevorstehenden Wochen sinnvoll ist. Wenngleich ich natürlich auch einen groben Übersichtsplan aufstellen werde.
Durch meine Berichte über die Ultraläufe und Ultratriathlons haben mich in letzter Zeit auch wieder vermehrt Anfragen erreicht, wie und mit welchem Training man diese Ziele erreicht. Ich antworte darauf gerne und freue mich über diesen Austausch. Letztendlich bekommen diejenigen dann aber auch mit, dass ich mich nun seit ca. zwei Jahren neu zu orientieren versuche. Kurioserweise gibt mir dann plötzlich aber auch der eine oder andere Tipps. Ungefragt. Plötzlich schreibt man mir, wie ich trainieren sollte und sogar, welche Zeiten man von mir erwartet. Allgemein habe ich geantwortet, dass ich nachfrage, wenn ich Ratschläge brauche. Aber man solle mir bitte nicht schreiben, was ich zu tun habe. Es gibt Ausnahmen. Aber ich habe gemerkt, ich bin empfindlich gegenüber Ratschlägen, nach denen ich nicht gefragt habe. Und damit ich sie annehme, muss man sie mir gut verkaufen. Ich kann das Lehrerhafte nicht leiden. Hätte ich denn sonst mit 17 Jahren die Schule abgebrochen? Wenn ich dann auch hundert Mal hinfalle, weil ich den richtigen Weg nicht finde, so finde ich ihn eben, wenn ich das hundert und erste Mal wieder aufgestanden bin.
Dabei fielen mir die zwei Läufer ein, von denen ich Dir schon mal geschrieben habe. Einer sagte mir beim Marathon in Leipzig und der andere beim Ueckermünder Marathon, dass ich doch mit meiner Größe viel schneller laufen können müsste. Und vor drei Jahren fuhr ich mit meinem Rennrad im Grunewald die beliebte Runde über Kronprinzessinenweg und Havelchaussee, als ein Radfahrer neben mir auftauchte. Nach einer Weile sagte er, dass mein Tritt schön rund sei, aber dass ich wohl den Sattel höher stellen müsste. Ich erwiderte, dass ich gerade aus Lensahn zurückgekommen bin und genau in dieser Position 540 km beim Triple-Ultra-Triathlon gefahren sei. Er sagte nichts mehr und verschwand.
Am Ende hat mich so mancher Austausch in den zurückliegenden Monaten daran erinnert, dass alles seine Zeit hat, und Zeit irgendwann abläuft. Aber auch sie haben mich angeregt, mich wieder mehr auf mich, mein Gefühl und meine Erfahrung zu besinnen. Es trat wieder mal das Gefühl auf, ich werde von irgendwem und irgendwas aufgehalten, meinen Sport mit all der Freude, die ich dabei empfinde zu betreiben. Außerdem mag ich es eben nicht, wenn mich Außenstehende beurteilen. Sie kennen mich nicht persönlich, und ich habe das Gefühl, sie sehen mich ganz anders als ich bin. Auch wenn ich damit jemanden verprelle, meine Freiheit muss ich behalten, und ich denke, die meisten (wie auch Du) können dies gut nachvollziehen.
Apropos Freiheit. Ich habe Dir 2011 das erste Mal von dem Gefühl geschrieben, die Freiheit, von allem frei zu sein, zu spüren. Zurzeit lese ich immer mal wieder ein Kapitel in Volker Blochs Buch
Road to Kona. Darin sind auch Interviews mit den Athleten, die den IronMan Hawaii durch ihre Erfolge geprägt haben. Einer davon ist Mark Allen, der natürlich auch mir besonders imponiert hat, da er das Rennen auf Hawaii in der Zeit, in der ich mit Triathlon begann, also Anfang der 90er Jahre, stets gewann. Nach seinem Gefühl, den IronMan Hawaii zu gewinnen befragt, antwortet er: "Die Beschreibung, die mir dazu in den Sinn kommt, lautet 'totale Freiheit' [...] Für eine gewisse Zeit bist du absolut frei davon, ein Ziel oder eine Anforderung vor dir zu haben. Du kannst einfach nur 'sein'."
Dein S.


Berlin, den 7. August 2017
Lieber B.!
"[...] wie er doch immer wieder zu Boden geworfen wird."
Daran musste ich denken, als ich überlegt habe, was ich Dir vom Müritz-Triathlon schreibe. Diese Worte stehen in
Schlafes Bruder von Robert Schneider, und sicherlich verspüre ich nicht diese Verzweiflung wie der Protagonist in diesem Roman. Aber zu Boden geworfen und niedergedrückt fühlt man sich doch manchmal nach so einem Ergebnis. Müritz-Triathlon (31.07.17)Bevor ich gleich ein paar Worte zum Ablauf des Wettkampfs schreibe, nehme ich aber schon mal vorneweg, dass ich in der Nachbetrachtung keine Erkenntnisse gewonnen habe und einfach weiter mache wie geplant.
Das Schwimmen war okay. Wind verursachte Wellen wie ich sie selten in einem Triathlon hatte. Zweimal schluckte ich auch dermaßen viel Wasser, dass mir die Luft weg blieb. Am Ende blieb ich aber in meinem Zeitrahmen, und Anja konnte ich auch ein paar dumme Witze zurufen.
Wie ich letzten Monat schon angedeutet habe, war das Niveau sehr hoch. Trotz meiner nicht ganz schlechten Zwischenzeit nach dem Schwimmen lagen von 157 gestarteten Männern nur noch 30 hinter mir. Im Normalfall überhole ich dann auf dem Rad eher ein bisschen mehr als ich überholt werde. Diesmal überholte ich auf 80 km und in gut 2 1/2 Stunden genau einen, musste aber beständig einen nach dem anderen an mir vorbei fahren lassen. In den letzten zwei Wochen hatte ich mich oft schlapp und energielos gefühlt. Das Seltsame war, dass das beim Wettkampf gar nicht so der Fall war, sondern dass ich einfach nur langsam fuhr. Am Ende gab es lediglich 15 schlechtere Radfahrer.
Wie auf dem Rad verlor ich schließlich auch beim Laufen etwa 15 min auf die Zeit, die ich mir vorgenommen hatte. Das Müritz-Triathlon (31.07.17)einzig positive: ich lief konstant langsam durch, hatte also keinen Totaleinbruch wie es mir beim Laufen während eines Triathlons ja auch schon passiert ist, und ich machte noch ein paar wenige Plätze gut.
Tatsächlich ist mir nichts Besonderes eingefallen, was dieses Ergebnis erklärt. Das Übliche, nämlich zu müde, zu wenig geschlafen etc. will ich nicht mehr als Erklärung hernehmen. So denke ich, einfach einen miserablen Tag erwischt zu haben... Was als Ausrede auch nicht ausreichend ist, und so fühlt man sich bei den Träumen die ich habe, einfach zu Boden geworfen und niedergedrückt und kann also nur einfach weiter machen.
Dein S.

Berlin, den 7. Juli 2017
Lieber B.!
Hätte mir vor zwei Jahren jemand gesagt, dass der Weg nach Hawaii über 100m-Sprints führt, ich hätte ihm nicht geglaubt. Und wenn ich es geglaubt hätte, wäre ich wohl bei 100-Meilen-Läufen geblieben...
Werbellinsee-Triathlon (25.6.2017)Auf Anraten des Bekannten, der sich schon zweimal für Hawaii qualifiziert hat, habe ich ja für dieses Jahr einen IronMan ausfallen lassen. Seit kurzem schaut er nun auch auf mein Training und gibt mir Tipps und Ratschläge. Eine erste Schlussfolgerung (zwar nicht neue, aber bei mir immer wieder in Vergessenheit geratene) ist, so lange ich meine 5- und 10-km-Zeiten nicht deutlich verbessere, werde ich auch niemals meine Zeiten auf längeren Distanzen so verbessern wie es für eine Qualifikation notwendig ist.
Nun standen vorgestern in meinem Trainingsplan für einen Mitteldistanz-Triathlon Ende diesen Monats nach 5 km einlaufen 15 Steigerungsläufe à 100m und abschließend ein schneller 2000m-Lauf. Da der Plan sich ja nach meiner 10-km-Bestzeit richtet, müsste ich die vorgegebenen Zeiten erreichen können. Aber nach den 100m-Läufen war ich so platt, dass ich etwa 40 sec über der Zeit blieb, die ich auf den 2000m hätte laufen sollen. Ich nehme an, dass ein anderer Läufer, der in etwa meine Bestzeiten hat, diese Vorgabe erreicht hätte. Aber ich bin wohl (und diesen Gedanken hatte ich in den letzten Monaten schon öfter) nach 20 Jahren langen und langsamen Laufens total "versaut". Ich bin gespannt, wie es wird, wenn ich dieses Training nächste Woche wieder mache. Und ich freue mich darauf.
Werbellinsee-Triathlon (25.6.2017)Immerhin konnte ich vor knapp zwei Wochen eine ganz ordentliche Leistung beim Werbellinsee-Triathlon abrufen. Leider ist er nicht vergleichbar mit dem Storkow-Triathlon, an dem ich vor einem Jahr teilgenommen habe. Das Radfahren und das Laufen war von vorneherein etwas länger ausgeschrieben, schließlich war aber auch die Schwimmstrecke sehr ungenau vermessen. Schon hier blieb ich etwa 5 min über meiner Zeit. Die Strecken waren dann auch anspruchvoller als erwartet und am Ende blieb ich mehr als 10 min über der Zeit, die ich mir vorgenommen hatte. Aber letztendlich zählt ja die Platzierung, denn auch nur diese ist am Ende ja ausschlaggebend für eine Qualifikation und nicht die erreichte Zeit. Zwar habe ich hier mein Ziel, in der vorderen Hälfte zu landen auch nicht erreicht. Aber ich habe es nur um etwa 3 min verpasst, und ich lag deutlich besser als letztes Jahr in Storkow. Denn in dieser Hinsicht kann ich diese Wettkämpfe dann doch vergleichen.
Vielleicht klingt es nicht ganz so überzeugend, doch meine Zuversicht ist immer noch da. Auf die Mitteldistanz bin ich sehr gespannt. Denn dort muss ich eine sehr anspruchsvolle Zeit hinlegen, um in die erste Hälfte zu kommen, betrachtet man die Ergebnisse aus dem letzten Jahr. Ich werde berichten... Und das ich Dir wie im letzten Monat nicht schreibe, soll nicht noch einmal vorkommen.
Dein S.

Berlin, den 7. Mai 2017

Lieber B.!

Letzten Sonntag bin ich bei einem 10-km-Lauf im Friedrichshain mitgelaufen und hatte vorher überlegt, ob ich mir ein Zeitziel setze. Erreiche ich dieses Ziel, schreibe ich Dir wieder am 7., war meine Idee. Erreiche ich sie nicht und bleibe ich weiterhin von meinen Träumen entfernt, lasse ich es mit dem Schreiben erstmal sein.10 km Berlin-Friedrichshain (30.4.2017)

Ich habe mir dieses Ziel aber nicht gesetzt, denn schon vorher hatte ich ein paar Gedanken, die ich Dir nun mitteilen will. In den letzten 1 1/2 Jahren hatte ich zu viel mit Krankheiten, Verletzungen und private Veränderungen zu tun, durch die ein geregeltes Training immer wieder unterbrochen wurde. Warum also sollte ich jetzt aufstecken? Erst wenn ich mal wenigstens ein Jahr (besser noch zwei) so trainiert habe, wie ich es mir vorstelle und vornehme und dann nicht spürbar schneller geworden bin, kann oder sollte ich es mit dem Träumen sein lassen. Außerdem mag meine Ungeduld berechtigt sein. Aber rückblickend hat es ca. 20 Jahre gedauert, bis ich in Lensahn beim Triple-Ultra-Triathlon am Start stand. Wenn ich nun den umgekehrten Weg gehe, kann ich nicht erwarten, diesen in 1-2 Jahren zurückzulegen. Allerdings hoffe ich auch, nicht wieder 20 Jahre auf die Erfüllung eines Traums warten zu müssen. Nebenbei bemerkt, ich habe ein paar Ratschläge bekommen, von denen ich Dir vielleicht beim nächsten Mal mehr schreiben kann.

Ein Resultat dieser Ratschläge war schon mal, dass ich meinen Start bei einer Langdistanz für dieses Jahr gestrichen habe und - wie ich aber auch schon letzten Monat vermutet habe - beim Radrennen Lüttich-Bastogne-Lüttich über 273 km nicht mitgefahren bin. Aber natürlich habe ich Rupert begleitet und am Tag vor dem Rennen sind wir die "Mauer von Huy" hinaufgefahren. Ich war froh, dass ich die bis 19% steile Straße hinaufkam, noch mehr jedoch darüber, dass ich nicht acht solcher Anstiege nach teilweise mehr als 200 km in den Beinen hinauffahren musste. Ich vermute, ich hätte das auch nicht geschafft.

Dafür bin ich dann letzten Sonntag erstmal wieder im Friedrichshain über 10 km gestartet, um auch zu sehen, wo ich stehe. Da wir viermal über den kleinen Bunkerberg gelaufen sind, kann man etwa eine Minute abziehen, denke ich. Dann stehe ich also jetzt ungefähr so da wie vor 1 1/2 Jahren. Also drück mir die Daumen für eine lange unfallfreie Zeit...

Dein S.


Berlin, den 7. April 2017

Lieber B.!
Ich schreibe Dir nun seit fast 1 1/2 Jahren monatlich und habe schon ein paar Mal gezweifelt. In einem der ersten Briefe habe ich das Ziel "Hawaii" mit meiner ersten Anmeldung in Lensahn verglichen. Damals hatte ich ein knappes Jahr Zeit und wusste nicht, wie weit ich kommen würde. Dieses Mal habe ich mir zwar vier bis fünf Jahre Zeit gegeben, aber in 1 1/2 Jahren ist nichts passiert. Ich muss es mal deutlich ausformulieren.
Deshalb werde ich möglicherweise die monatlichen Briefe an Dich einstellen. Ich zweifle zwar noch nicht so stark an meinem Endziel und an meinem Traum, doch es deprimiert mich, Dir stets mehr von Stillstand oder Rückschritten zu schreiben als von Fortschritten. Sei also darauf vorbereitet, in nächster Zeit wieder weniger von mir zu lesen. Wenn ich aber auch nicht vollständig ausschließen möchte, dass ich Dir am nächsten 7. wieder ganz euphorisch schreibe. Möglicherweise nehme ich auch einfach wieder meine Wettkämpfe zum Anlass, mich zu melden, denn an ihnen lässt sich nun mal am besten feststellen, ob ich vorwärts gekommen bin oder nicht.
Mallorca (März 2017)Hintergrund meiner Gedanken ist, dass ich heute den neunten Tag nacheinander nicht trainiert habe. Davor kam ich von einer Urlaubs- und Trainingswoche von Mallorca zurück, lief am ersten Tag nach der Rückkehr knapp zwei Stunden und war zwei Tage später vormittags im Schwimmbad und nachmittags 40 km mit dem Rennrad unterwegs. Entweder waren es die nassen Haare nach dem Schwimmen oder der Regen, durch den ich 1 1/2 Stunden mit dem Rad gefahren bin, weshalb ich seitdem einen ordentlichen Schnupfen habe. Da ich mich auch auf der Arbeit nicht krank melden konnte, blieb bisher noch keine Zeit mich vollständig zu erholen und auszukurieren.
Wäre nach der Woche auf Mallorca der 7. gewesen, hätte ich Dir einen ganz anderen Brief geschrieben. Ich war dort an sechs Tagen viermal Rad fahren, dreimal schwimmen und zweimal laufen. Auf dem Rad konnte ich ein paar Kilometer machen, die längste Einheit dauerte 4 1/2 Stunden. Schwimmen war ich morgens in einem Trainingspool, der zu unserer Hotelanlage gehörte, die für Triathleten ausgerichtet war. Jedes Mal hatte ich eine Bahn für mich alleine. Und gelaufen bin ich zwar beide Male nur eine Stunde, aber wegen des Marathons zuvor, hatte ich auch gar nicht mehr vorgehabt.
Mallorca (März 2017)Ich habe also schön trainiert, es aber auch nicht übertrieben. Der Effekt blieb auch nicht aus. An eben jenem Tag, an dem ich mir den Schnupfen eingefangen habe, schrieb ich Anja noch nach dem Training, dass ich mit meinem Rennrad endlich wieder eine Einheit bilde und dass die Uhr, die sie mir zum Geburtstag geschenkt hatte, super funktioniert. Ich war also ganz euphorisch, nachdem im letzten Jahr jede Einheit auf dem Rad eine Qual war (so meine Erinnerung) und nachdem ich endlich die passende Uhr hinsichtlich dessen, was ich gerne für Infos über mein Training haben möchte, am Handgelenk trage. (Habe Dir ja gerade erst meine Gedanken zu Technik usw. mitgeteilt gehabt.) Leider ist diese Euphorie aber verflogen.
Blicke ich voraus, habe ich am nächsten 7. das Radrennen Lüttich-Bastogne-Lüttich hinter mir. 270 km auf der Strecke, die auch die Profis in ihrem Frühjahresklassiker fahren. Stand heute, weiß ich aber noch gar nicht, ob ich mir das zutraue. Wenn, dann ist es vielleicht ein Anlass, Dir zu schreiben. Ansonsten warten wir einfach mal ab. Die Idee war zwar, auch die Talfahrten auf einem langjährigen Weg hin zu einem Ziel zu beschreiben, aber das Tal, in das ich im Moment geraten bin, scheint mir zu tief, als dass ich in nächster Zeit schon wieder den Gipfel sehen könnte.
Dein S.


Berlin, den 7. März 2017

Lieber B.!

Es hat am letzten Samstag beim Marathon um den Öjendorfer See in Hamburg nicht dazu gereicht, eine Zeit zu laufen, die ich zuletzt vor sieben Jahren erreicht habe. Ich bin nicht nur immer noch sehr weit weg von meinem Ziel, sondern ich musste auch feststellen, dass der Weg dorthin noch viel, viel weiter ist, als ich bisher gedacht habe.

Frühlings-Marathon um den Öjendorfer See (4.3.2017) km 13Mal wieder spielten auch die Umstände eine gewisse Rolle. Das Training ist das eine, aber auch das Drumherum muss stimmen. Im Gegensatz zu meinen drei vorherigen Starts in Öjendorf, wo wir uns morgens um 5 Uhr ins Auto setzten, um zum Start um 9 Uhr dort zu sein, hatten Anja und ich beschlossen, schon freitags loszufahren. Aber wir kamen später los, steckten in Berlin selbstverständlich erstmal im Berufsverkehr fest und erreichten unser Hotel am Stadtrand Hamburgs gelegen erst gegen halb sieben. Dort sagte man uns, dass sie uns in ein Hotel in der Nähe des Hauptbahnhofs ausquartieren mussten. Neben der Zeit, die wir für einen entspannten Abend schon verloren hatten, war uns nun auch noch die Ruhe genommen. Durch den Trubel der Großstadt verging noch mal eine weitere Stunde, bis wir zum Nudelessen unterwegs waren. Danach fielen wir auch nur noch ins Bett.

Morgens mussten wir dann natürlich auch etwas früher los und waren eine knappe halbe Stunde vor dem Start am Öjendorfer See. Das war zwar bei etwa 60 Teilnehmern ausreichend, aber im Nachhinein haben mir morgens dort vielleicht doch fünf Minuten gefehlt. Immerhin hatte ich mir ein, zwei Tage vorher gesagt: Ich fahre da jetzt hin und hole mir die Belohnung für das konstante und teilweise auch harte Wintertraining. Dies vergaß ich zum Start auch nicht.

Dann ging es los. Da dort überwiegend Marathonsammler unterwegs sind, die zwischen 4 und 6 Stunden laufen, wusste ich, dass ich mich gut einreihen würde und zählte Platz 8 auf dem ersten Pendelstück von 600 m. Dann ging es in die erste von elf Runden und ich lief exakt die Zeit, die ich für einen Marathon von 3:40 Stunden laufen musste. Ich fühlte mich locker, hatte nur leichte Kopfschmerzen und von Beginn an Durst. Dies, denke ich, ist auf den Vortag zurückzuführen. Es sind im Grunde genommen Kleinigkeiten, die aber an einem Tag, wo man gestresst wird, übersehen werden. Ich trank einfach am Freitag und auch morgens vor dem Start zu wenig.

Fünf Runden lang hielt ich aber das Tempo und trank jede Runde wenigstens einen Becher Tee. Die Halbmarathonmarke passierte ich in 1:50 Stunden. Inzwischen war ich auf Platz 7 vorgelaufen und forcierte nun das Tempo. Dabei machte ich einen weiteren Platz gut und wollte mir ein kleines Polster erlaufen, um in den letzten drei Runden sicher einer für mich guten Zeit entgegenzulaufen.

Bis km 27 ging es gut. Dann musste ich schon wieder Tempo rausnehmen. Ich verlor in den Runden acht und neun jeweils eine Minute, fand das aber noch im Rahmen und war guter Dinge, dass ich mich in den letzten beiden Runden motivieren könnte und immer noch sicher unter 3:45 Stunden laufen würde. Es klappte nicht. Ich wurde von zwei Läufern überholt und war auf der vorletzten Runde noch mal eine Minute langsamer. In der letzten Runde verlor ich einen weiteren Platz und ca. vier Minuten. Ich lief schließlich also nach 3:49 Stunden auf Platz 9 ins Ziel.

Frühlings-Marathon um den Öjendorfer See (4.3.2017) km 22Vielleicht hört sich die kurze Schilderung des Marathons jetzt negativer an, als ich ihn empfunden habe. Denn ich sehe auch Positives. Ich habe mich gegenüber meinem letzten Marathon um vier Minuten gesteigert. Nicht die Welt, aber immerhin. Ich hatte lange das Gefühl, dass ich eine Zeit von 3:40 Stunden relativ locker laufen kann. Es gab dann einfach zwei, drei Umstände zu viel, die das verhindert haben.

Der Marathon hat mir aber trotzdem vor Augen geführt, dass ich noch einen sehr weiten Weg vor mir habe und dass ich die Richtung, die ich eingeschlagen habe, noch grundsätzlich überdenken muss. Zwei Dinge sind mir dazu unmittelbar nach dem Lauf eingefallen. Zu Anja sagte ich, dass ein 10.000-Meter-Läufer ja auch ein ganz anderes Training machen muss, möchte er ein 100-Meter-Sprinter werden. Das heißt für mich, ich muss mich wirklich als einen Ultraläufer und Ultratriathleten betrachten, und um ein guter oder zumindest passabler Marathonläufer und Triathlet zu werden, muss ich ein paar Dinge noch mal gänzlich verändern. Ich tendiere immer noch dahin, einen Marathon als etwas zu verstehen, was man schon irgendwie abreißen kann. Aber bei dem Streben nach Bestzeiten geht man viel mehr ans Limit, als wenn man jede Woche einen Marathon mit 80% Einsatz läuft. Außerdem lief ich im Januar 252 km in 17 Trainingseinheiten. Hätte ich nur jede zweite Laufeinheit um 1 bis 2 km verkürzt und statt dessen Koordinationstraining und Stabilisationsübungen gemacht, hätte mich das vermutlich weitergebracht. Einfach nur mehr Kilometer im Training abzureißen, bringt nicht den gewünschten Effekt. Darauf freue ich mich und auch auf das anstehende Triathlontraining.

Dein S.


Berlin, den 7. Februar 2017

Lieber B.!

Ich bin in technischen Dingen nicht sehr begabt. Aber immer wieder lese ich von Sachen, sehe sie mir an, beschäftige mich mit ihnen und möchte sie nutzen. Doch die Erfahrung lehrt mich, dass ich in dieser Richtung wenig Talent habe. Nehmen wir zum Beispiel Pulsmesser. Jahrelang habe ich sie getragen und dann immer wieder weggelegt. Entweder waren sie wirklich defekt oder ich konnte mit der Auswertung nichts anfangen. Irgendwann habe ich mich entschieden, sie nur noch als Informationsquelle für den täglichen Trainingszustand zu nutzen. Aber mein Training mit einem Pulsmesser effektiver zu gestalten, ist mir nie gelungen. Den letzten Versuch unternahm ich vor ein paar Jahren, als ich mir für viel Geld ein Exemplar kaufte, den ich an den PC hätte anschließen können, um dort mein Training in Tabellen, Statistiken etc. anzusehen. Die Verbindung zum PC ist nie zustande gekommen. So ist meine Freude auch groß gewesen, als ich in Roy Hinnens Buch las, dass er seine Trainingspläne an Zeiten und nicht am Puls orientiert. Man geht einfach von seiner 10-km-Bestzeit aus und richtet danach das Tempo im Lauftraining aus. Gründe dafür sind ganz einfach: der Puls ist abhängig vom Wetter, vom physischen Zustand usw. Schon allein deshalb hat man bei einem Lauf in einem bestimmten Tempo über eine bestimmte Distanz an einem Tag einen höheren (oder auch niedrigeren) Puls als an einem anderen. Übrigens habe ich auch schon in anderer Literatur davon gelesen, dass man wieder mehr dahin tendiert, Trainingspläne anhand des Tempos zu entwickeln und nicht am Puls zu orientieren.

Für das effektive Training ist es dann natürlich unerlässlich, dass man die Strecken bzw. Distanzen genau kennt. Ich habe ja jahrelang meine Strecken mit dem Fahrrad abgemessen und denke, dass das einigermaßen genau war. Nebenbei habe ich natürlich über die vielen Jahre auch ein sehr gutes Gefühl entwickelt. Zum Beispiel bin ich 2010 und 2011 mit einem guten Freund den Berlin-Marathon gelaufen. Er wusste genau, welche Zeit er laufen wollte und ich konnte das Tempo exakt vorgeben. Im Ziel sagte er, dass er die erste Hälfte jeden Moment hätte schneller laufen wollen und nach km 30 dankbar war, dass er es nicht getan hatte. Er gab mir dann auch den Spitznamen "the machine". Ähnlich war es auch schon, als ich in den 90er Jahren beim SCC trainierte. Gab uns der Trainer vor, 1000 m in vier Minuten zu laufen, so lief ich das und der Pulk hinter mit her. Es war wirklich so, dass die 30- und 40-jährigen sich dem 15-, 16-jährigen an die Fersen hefteten. Auch vor zwei Jahren konnte ich mir noch mal bestätigen, wie gut ich Distanz und Tempo einschätzen kann. Ich lief im Urlaub in Kroatien 11 km; 5,5 km in einer Richtung am Meer entlang und wieder zurück. Am nächsten Tag lief ich mit Rupert den gleichen Weg. An der Stelle, an der ich umgedreht war, zeigte seine GPS-Uhr 5,49 km.

Wegen meiner mangelnden Affinität zu vielen technischen Dingen hat es auch lange gedauert, wie Du weißt, mein Handy abzugeben und mir ein Smartphone zuzulegen. Neben den bekannten Gründen, weshalb man ohne doch oft hinterherhinkt, reizte mich auch, mir eine Laufapp herunter zu laden und zu nutzen. Kennen gelernt hatte ich sie durch Anja, als sie mich in unserer Anfangszeit auf dem Fahrrad begleitete und diese App anmachte. Natürlich wertet diese App auch einiges aus, was interessant war und mich im letzten Jahr auf die Idee brachte, ein paar neue Statistiken über mein Training zu erstellen. Beispielsweise unterteilt die App das Training in verschiedene Kilometerbereiche. Danach lief ich zu 50% Strecken zwischen 10 und 15 km. Einerseits setzte es den Reiz, ab und zu öfter die 15 km-Marke zu überlaufen. Andererseits konnte ich anhand dessen überhaupt mal sehen, in welchem Bereich ich trainiere.

In den letzten Monaten habe ich diese Bereiche auf mein Empfinden abgeändert. Zwischen 10 und 15 km ist für mich schon ein gewisser Unterschied, so dass ich meine Strecken in sieben verschiedene Bereiche unterteilt habe: kurze Strecken (bis 8 km und von 8-10 km), mittlere Strecken (10-13 km und 13-18 km) und lange Strecken (18-25 km, 25-34 km und alles darüber hinaus). Die beiden letzte Jahre habe ich schon ausgewertet, und es zeigt sich, dass ich verhältnismäßig oft im Kurzstreckenbereich trainiere.

In Vorbereitung auf meinen ersten Ultratriathlon in Lensahn notierte ich mal nach einem 10-km-Lauf im 6-Minuten-Tempo pro Kilometer, dass ich mich frage, was mir dieses Training nutzt. Die Antwort war, dass mich jedes (auch ein solches) Training irgendwann zu einem Ultratriathlon bringt. Heute muss ich schreiben, dass mich ein solches Training meinem neuen Ziel wohl tatsächlich kein Stück näher bringt. Wenn auch jedes Training im Zusammenhang des Großen und Ganzen zu sehen ist, so muss ich jetzt einfach in praktisch jedem Training den Reiz finden, mich zu verbessern. So betrug meine durchschnittliche Distanz im Januar bei 17 Laufeinheiten 14,87 km. Früher wäre ich wahrscheinlich froh gewesen, wäre sie bei dem Wetter, der Dunkelheit etc. bei 10 km gewesen.

Diesen Winter habe ich übrigens nach Jahren wieder mal die Fahrradrolle aktiviert. Letzte Woche sah ich mir, während ich auf der Rolle strampelte, meine älteste Aufzeichnung vom IronMan Hawaii an, vom Rennen 1992. Darin wurden Wolfgang Dittrich, Jürgen Zäck und Jochen Basting interviewt. Ich glaube, es war Basting, der die Frage nach Doping im Triathlon so beantwortete, dass es im Training für einen IronMan so wahnsinnig viele Möglichkeiten gibt, Reize zu setzen, um Erfahrungen zu sammeln und Entdeckungen des eigenen Körpers und der Leistungsmöglichkeiten zu machen, dass ein Triathlet deshalb auch weniger anfällig für Doping ist. Lassen wir das letztgenannte mal so stehen, aber der Rest ist meiner Meinung nach vollkommen wahr, und ich befinde mich ja noch fast am Beginn.

Allerdings stand vor kurzem in einer Triathlonzeitung eine Liste von Dingen, die jeder Triathlet mal gemacht haben sollte. Mit dabei natürlich: einmal auf Hawaii finishen. Hinzugefügt aber auch die Anmerkung, dass es von vielen der Traum bleiben wird und schlicht und einfach nicht jeder dieses Ziel erreichen kann. Darüber hinaus schrieb mir vor kurzem ein Bekannter, der sich schon zweimal für Hawaii qualifiziert hat und mich in meinem Bestreben unterstützt und aufmuntert. Als ich aber seine jüngsten Wettkampf- und Trainingszeiten sah, wurde mir sehr bewusst, wie weit ich von diesem Ziel noch weg bin. Aber aufgeben ist nicht drin.

Ende Januar bin ich bei meiner Laufserie in Wilmersdorf den Halbmarathon in einer Zeit gelaufen, die ich das letzte Mal vor sieben Jahren erreicht habe. Das sind die Dinge, auf die ich heute gucken muss. Meinen nächsten Brief schreibe ich Dir kurz nach meinem Frühjahrs-Marathon. Wenn ich dort auch eine Zeit erreiche, die ich zuletzt vor sieben Jahren erreicht habe, dann ist alles gut.

Dein S.


Berlin, den 7. Januar 2017

Lieber B.!

Über Silvester hatte ich einige Gedanken, die ich unter dem Titel "Zwei, drei Begegnungen" aufgeschrieben habe. Ich formuliere sie für Dich noch mal aus:
Vor etwas mehr als einem Jahr bekam ich einen neuen Chef. Ich nenne ihn mal A.
A. zeichnete sich später dafür aus, dass ich befördert wurde, aber erst mussten wir uns natürlich kennen lernen. Wenn ich mich recht erinnere, wurde ich ihm von unserem damaligen kommissarischen Depotleiter vorgestellt. Dieser muss ihm dann auch von meinen sportlichen Betätigungen erzählt haben. Schließlich jedenfalls sprach mich A. darauf an, und ich erzählte vor allem vom 100-Meilen-Lauf, welcher gerade erst ein paar Wochen zurück lag. Es kam dann aber auch zum Gespräch, dass ich Triathlon mache, und die Tatsache, dass ich ein "IronMan" bin, beeindruckte ihn. Als er dann auch noch vom Double- und Triple-Ultra-Triathlon hörte, sprach er mich mindestens einmal in der Woche darauf an. Meistens sagte er, dass er es gar nicht in seinen Kopf bekäme, dass Menschen solche Distanzen zurücklegen.
Im Sommer und nach nur einem halben Jahr zog sich A. plötzlich wieder zurück, und im Oktober erhielt ich wieder einen neuen Chef. Ich nenne ihn B. Als ich mich B. vorstellte, antwortete er sofort: "Ah, der Triathlet." Jemand hatte ihm also schon von seinen künftigen Mitarbeitern erzählt, und mir haftete dieser Zusatz an. B. war deutlich älter als A., sah aus wie jemand, der das Leben genießt und sich für Sport eher wenig interessiert. Allerdings zeichnete ihn auch eine gute Allgemeinbildung aus. Trotzdem weiß nicht jeder gebildete Mensch, Triathlon unbedingt einzuordnen. In diesem Fall allerdings fühlte ich gleich eine Achtung und Respekt, vor dem was ich tue und dass er Triathlon sehr gut einzuordnen weiß.
Nach nur kurzer Zeit wurde klar, dass B. lediglich für wenige Wochen bleiben würde. Schon im November stellte er uns Angestellten C. vor, der nun das Depot leitet. Auch bei dieser Vorstellung fiel gleich wieder der Satz, dass ich S., der Triathlet sei. In den ersten Tagen geschah nicht viel. Aber dann hatten C. und ich einmal gleichzeitig Dienstschluss, und als wir das Depotgelände gemeinsam verließen, fragte mich C., welche Strecken ich absolviere und welche Zeiten ich erreiche und erzählte, dass er einen guten Freund habe, der Triathlet ist und weiß, wie hart und diszipliniert der trainiere.
Silvester letzte Woche haben Anja und ich mit einem befreundeten Pärchen sowie Bekannten und Verwandten von ihnen gefeiert. Einer dieser Bekannten kam dann um Mitternacht auf mich zu und sagte, dass er noch nie mit einem IronMan angestoßen habe und sich freue, dass nun einmal tun zu können. Da die meisten, mit denen wir feierten, Anja kannten aber längere Zeit nicht gesehen hatten, nehme ich an, dass einige nachfragten, wen sie mitbringe. Und vermutlich hieß es auch wieder S., der Triathlet.
Altglienicke (5.1.2017)Was will ich Dir nun mitteilen, wenn ich diese Begegnungen schildere? Manchmal ist es einfach interessant, wie man mit seinem Hobby andere beeindruckt. Natürlich ist das ein schönes Gefühl. Aber es erstaunt mich auch, denn für mich ist es ja das normalste der Welt. Doch unabhängig von den Strecken, der Distanz und den Zeiten, die man zurücklegt und unterwegs ist oder erreicht, bleibt das tägliche Training. Vorgestern und gestern bin ich bei -3 und -7 Grad abends im Dunkeln auf Schnee und gefrorenem Boden gelaufen und habe sogar mein Intervalltraining durchgezogen. Ich war selbst überrascht, wie gut das geklappt hat. Aber das normalste der Welt ist das wohl nicht. Und so ist es gut, ab und an mal Menschen zu treffen oder kennenzulernen, die mit ihrem Nachfragen, mich darüber nachdenken lassen, dass es etwas Außergewöhnliches vielleicht sogar Besonderes ist, Triathlet (und IronMan) zu sein. Damit weiß ich dann auch gleichzeitig, welch ein Geschenk das alles ist. Unabhängig von Zeiten und dem, was ich mir vorgenommen habe noch zu erreichen, sollte man sich daran immer erinnern und es genießen.

Im Gegensatz dazu steht mein Ergebnis beim Plänterwaldlauf. Ich war über die 10 km etwa 40 sec langsamer als vor einem Jahr. Einerseits eine Enttäuschung, andererseits war die Arbeitswoche extrem anstrengend mit sechs Tagen hintereinanderweg. Samstagabend waren wir noch unterwegs auf einem Geburtstag, und als Sonntagmorgen der Wecker klingelte war ich alles andere als ausgeschlafen. Dazu noch Regen, dem ich dann auch kurz vor dem Start ausgesetzt war. Denn nach dem Einlaufen mussten wir noch zehn Minuten auf den Start warten, weil der Andrang so groß war. Dann hielt ich 4 km mein Tempo und baute allmählich wegen Müdigkeit, Kälte und Regen ab. Mag sein, dass alles nach einer Ausrede klingt. Und ich möchte das auch nicht mehr. Aber für mich sind es auch Erklärungen, weil das Gefühl insgesamt ein anderes ist. So war die Enttäuschung und Ernüchterung nicht allzu groß. Doch irgendwann müssen nun natürlich mal Ergebnisse erfolgen, die Fortschritte zeigen.

Dein S.


Berlin, den 7. Dezember 2016

Lieber B.!

Vor einem Jahr habe ich Dir das erste Mal an einem 7. geschrieben. Das heißt, heute darf ich kurz bilanzieren: Ein Jahr meines Lebens ist verflogen. Es gab aber auch viele einzelne Tage, die mühsam waren. Ehrlich betrachtet bin ich meinem Ziel kaum einen Schritt näher gekommen. Viel habe ich mich auch mit dem Triple-Ultra-Triathlon und dem 100-Meilen-Lauf beschäftigt; vor allem in den Tagen, als sie statt fanden. Da war ich zeitweise melancholisch und traurig. Im Juni, als ich mit Anja auf einem Springsteen-Konzert war, ließ ich mich von der Stimmung mitreißen und sagte mir, wenn Springsteen am Ende meinen Lieblingssong Thunder Road spielt, verwerfe ich all meine Pläne und melde mich wieder in Lensahn an. Springsteen spielte den Song, und was nun? Ein leichtes wäre es, mich wieder für diesen oder ähnliche Wettkämpfe anzumelden und mein Training wieder auf einen Start auszurichten, der in näherer Zukunft liegt und mich ausfüllt und glücklich macht. Doch der Gedanke, einmal auf Hawaii zu finishen ist dermaßen faszinierend und gleichermaßen utopisch, dass ich weiter daran festgehalten habe. Wir werden sehen, ob der Umkehrpunkt kommt. Jetzt ist es aber noch nicht so weit.Crosslaufmeisterschaft (19.11.2016)

 

Ende November war ich ein paar Tage krank, so dass ich die letzten beiden Einheiten aus Hinnens Run-Formel nicht mehr bestritten habe. Aber aus dieser Formel und vielen anderen Elementen, die ich seinem Buch und Plänen entnommen habe, habe ich meinen eigenen Trainingsplan über zweimal 14 Wochen entwickelt. Seit gut einer Woche sollen mich die ersten 14 Wochen zu einem Marathon Anfang März führen. Daran schließen sich 14 Wochen bis zum IronMan an.

Die erste Trainingswoche kann ich wie folgt bilanzieren. Die fünf Einheiten habe ich eingehalten und auch in der angegebenen Reihenfolge. Das Tempo habe ich ebenfalls eingehalten. Bei der Erstellung der Pläne habe ich vor allem auch auf die Periodisierung geachtet; das heißt, dass sich das Training über drei Wochen steigert und sich daran eine Erholungswoche anschließt. So hatte ich in der ersten Woche sieben Stunden geplant, am Ende habe ich aber nur 6:15 Stunden trainiert. Allein eine halbe Stunde hat mir beim langen Lauf gefehlt. Es ist eben einfach "langer Lauf über 2:30 Stunden" aufzuschreiben, aber die Umsetzung nicht immer. Gründe, Ausreden etc. lass ich jetzt mal weg. In anderen Einheiten haben dann noch ein paar Minuten gefehlt. Das aber werde ich erstmal mal beobachten, um zu sehen, wie fixiert ich hier bleiben muss. Wichtig ist, so habe ich gelernt, jetzt nicht in Panik zu verfallen und die fehlende Dreiviertelstunde irgendwo wieder aufzuholen. Vielmehr orientiere ich mich an dieser ersten Woche. Denn heute steht auch ein Lauf über 2:30 Stunden im Plan. Nachdem ich jedoch heute Nacht um 1:30 Uhr aufgestanden bin und von 3 Uhr bis 12 Uhr gearbeitet habe, ist es nach dem Mittagsschlaf, den ich gleich noch machen werde, nicht realistisch. Ich werde froh sein, wenn ich annähernd zwei Stunden unterwegs bin.

Für mich wichtig und ein Erfolg ist, dass ich jede Einheit so gemacht habe wie vorgeschrieben. Das war ja - wenn man so sagen kann - bisher mein Problem. Stand auf dem Plan eine Schwimmeinheit, bin ich doch laufen gegangen oder umgekehrt. Immer nach Lust und Laune. Allerdings habe ich das bisher auch als "meine Freiheit" angesehen.

 

Einige Tage vor meiner kurzen Erkrankung bin ich noch bei den hiesigen Crosslaufmeisterschaften mitgelaufen. Mein erster Start für den neuen Verein. Am Ende war ich mit der Zeit zufrieden. Doch erst am nächsten Sonntag werde ich meine Form einschätzen können, wenn ich nach einem Jahr wieder im Plänterwald über 10 km an den Start gehe. Dann weiß ich, ob ich auch in der Praxis meinem Ziel näher komme. Die kleinen Schritte vorwärts beziehen sich ja bisher nur auf die Theorie. Nun, Du weißt, ich werde berichten.

Dein S.


Berlin, den 7. November 2016

Lieber B.!

Mit einem Crosslauf fing 1981, als ich sechs Jahre alt war, alles an. Ich war gerade eingeschult worden und ging montags zum einem Sport- und Spielenachmittag in die Turnhalle meiner Schule. Das Spielen stand dort allerdings Crosslauf Berlin-Zehlendorf (15.10.2016)deutlich im Vordergrund. Gleichzeitig war ich aber schon Mitglied im SCC; ich nehme aber an, nur weil die Familienmitgliedschaft günstiger war. Daher war auch die Anmeldung zum SCC-Cross am Teufelsberg kostenlos, die meine Eltern fix machten. Ich war mächtig aufgeregt, ob ich die Distanz von 900m überhaupt schaffen würde und danach mächtig stolz, dass ich ohne Gehpause durchgekommen war.

Mit zwei Crossläufen endete in diesem Jahr auch der Berliner Läufercup. Der erste fand auf der Rodelbahn in Zehlendorf über 10 km statt, dort, wo ich mich einst ausgekotzt hatte, wie ich Dir vor einer Weile berichtet habe. Der zweite führte durch die Hasenheide in Neukölln und war 3,6 km lang. Bei beiden Läufen habe ich im Läufercup Platz 1 in meiner Altersklasse erreicht und damit die volle Punktzahl. Somit habe ich logischerweise auch Platz 3 in der Gesamtwertung verteidigt; die beiden Ersten hatten allerdings schon uneinholbar vorne gelegen.
Es war ein schöner Abschluss; die Zeiten kann ich jedoch noch nicht einordnen, weil es eben Crossläufe waren. Ob das Training nach Hinnens Run-Formel etwas gebracht hat, werde ich im Dezember wissen. Dann starte ich wieder im
Crosslauf Berlin-Hasenheide (30.10.2016)Plänterwald über 10 km, bei jenem Lauf, von welchem ich Dir vor knapp einem Jahr im ersten Brief vom 7. geschrieben habe. Diesen Lauf und den Triathlon in Storkow über die Olympische Distanz habe ich übrigens auserkoren, um dort die nächsten Jahre zu testen, ob und wie ich mich steigere.

Dagegen werde ich vermutlich nicht noch mal beim Läufercup starten, da meine Pläne für das nächste Jahr Form annehmen. Es stehen zwei Marathonläufe im Frühjahr und im Herbst an sowie vier Triathlons über jede angebotene Distanz. Sprich IronMan, Halb-, Oympische- und Sprintdistanz.
Beschließen werde ich dieses Jahr neben dem angesprochenen 10er im Plänterwald noch mit einem Start bei den Berliner Crosslaufmeisterschaften in knapp zwei Wochen. Voraussetzung dafür war natürlich, dass ich mich wieder einem Verein angeschlossen habe. Es ist nach jahrelangem Überlegen der PSV Olympia geworden, da ich auf dessen Sportplatz in Adlershof jetzt meine Bahnläufe mache. Du siehst, es ändert sich was, und mir geht es gut.

Dein S.


Berlin, den 7. Oktober 2016

Lieber B.!

Meine Träume: Als ich Anders fertig geschrieben hatte, bin ich mit einem gedruckten Exemplar in meine Abendschule gegangen und habe es dem Schulleiter geschenkt, weil ich dort im Unterricht mitunter auch viel Zeit hatte über den Roman nachzudenken und weil der Leiter mich auf den Namen Gabriel brachte. Ich bin mit drei gedruckten Exemplaren nach Usingen gefahren und habe es dem Chef sowie den beiden Sekretärinnen geschenkt, weil ich dort die Ruhe für die ganze Ausarbeitung gefunden hatte. Ein Exemplar brachte ich auch zu meiner jetzigen Arbeitsstelle und schenkte es dem Chef, den es mittlerweile schon lange nicht mehr gibt. Und einige Exemplare habe ich natürlich an Exfreundinnen verschickt.

BerlinMan-Triathlon (11.9.2016): Radkm 65Wenn ich in vier oder fünf Jahren das Ziel erreichen sollte, von dem ich Dir jetzt an jedem 7. schreibe, werde ich Roy Hinnen einen Brief schicken, denn ohne sein Trainingsbuch hätte ich dieses Ziel nicht erreicht. Das war mein Gedanke (und ist nun ein Traum), als ich vor gut einer Woche die ersten Laufeinheiten nach seiner Run-Formel absolvierte.

Es ist schön und so wichtig, Träume zu haben. Es ist noch schöner, sie sich zu erfüllen, aber vielleicht gar nicht so wichtig. Denn sie machen auch ohne Ergebnis das Leben auf jeden Fall viel lebenswerter. Aber erfüllt man sie sich, ist es das beste, dass es Leute gibt, denen man danken kann und die mit einem - bewusst oder unbewusst - diesen Weg gegangen sind.

Die Realität: In Bezug auf Anders kennst Du die Realität. Auch wenn ich mir noch mal diesen Traum erfülle, die Dankbarkeit gegenüber oben genannten Personen werde ich vermutlich nicht mehr aussprechen. Diesen Traum werde ich wohl wenn, nur mir selbst erfüllen und für die anderen bleibt der Dank in meinem Herzen. Es bleibt also eine Spannung, denn der Traum ist noch nicht ausgeträumt. Genau so eine Spannung bleibt auch, wie die Realität in vier bis BerlinMan-Triathlon (11.9.2016): Zieleinlauffünf Jahren aussieht. Es gäbe nichts Schöneres, als dann Roy Hinnen diesen Brief zu schreiben. Aber dankbar wäre ich vor allem natürlich auch Anja, denn ohne sie wäre ich gar nicht auf diesen Traum verfallen. Außerdem bleiben Rupert, meine Eltern, Henrik, eine Freundin von Anja, ein anderer Brieffreund neben Dir... Ich verfalle darauf, da ich auch gerade bemerke, wie sich Freundschaften und Wegbegleiter in den letzten fünf Jahren seit meiner ersten Teilnahme in Lensahn verändert haben.

Gegenwart: Zwei kleine Schritte vorwärts habe ich beim BerlinMan-Triathlon über die Halbdistanz und beim Berlin-Marathon gemacht. Ich habe zwar die Zeiten, die ich mir vor einem Jahr vorgenommen hatte, bei weitem nicht erreicht. Aber nach der Absage der Halbdistanz im Spreewald und des diesjährigen IronMan und nach dem Totaleinbruch beim Rostock-Marathon, bin ich mit dem Erreichten zufrieden und zweimal sehr glücklich ins Ziel gelaufen.

Für meine Verhältnisse überragend verlief das Schwimmen beim BerlinMan-Triathlon. Beim Radfahren blieb ich konzentriert und immer in dem Bewusstsein, dass ich in diesem Jahr nur einmal weiter als 90 km gefahren war. Den abschließenden 20-km-Lauf absolvierte ich bei 31 Grad auch sehr konzentriert und machte noch etliche Plätze gut. Am Berlin-Marathon (25.9.2016): km 41Ende blieb ich mehr als zehn Minuten unter der Zeit, die ich mir nach dem Urlaub und nach all den sportlichen Ernüchterungen des Jahres vorgenommen hatte. Sehr glücklich machte mich, dass ich auch die letzte Runde konstant durchgelaufen war und lief stolz ins Ziel.

Noch weniger wusste ich, was ich zwei Wochen später beim Berlin-Marathon von mir erwarten konnte. Ich nahm schließlich einfach das Tempo an, in dem ich mich auf den ersten Kilometern wohl fühlte. Bei Halbmarathon war ich dann auch nur gut zwei Minuten langsamer als in Rostock. Müder wurde ich aber erst nach km 33 und auch nur in dem Maße, in dem man beim Marathon damit rechnen kann. Nach 3:53 Stunden kam ich ins Ziel, und Anja, die an sage und schreibe sieben Punkten auf mich gewartet hatte, und ich konnten feststellen, dass es eine Bestzeit unserer gemeinsamen Marathons war.

Am Ende noch ein kurzer Ausblick: Im Oktober starte ich noch bei zwei Crossläufen, den letzten beiden Wettkämpfen, die zum Berliner Läufercup gehören. Im Moment sieht es danach aus, dass ich den 3. Platz in meiner Alterklasse erreichen kann. Damit hätte ich am Anfang des Jahres doch auch nicht gerechnet.

Dein S.


Berlin, den 7. September 2016

Lieber B.!

Letzten Monat wollte ich Dir einmal von meinen Wettkämpfen schreiben. Daher blieb keine Zeit, um auf etwas anderes einzugehen, was mich beschäftigt hatte. Denn mich entsetzte, dass es bei der Tour de France jetzt doch so weit gekommen war, dass der immer sportlich faire Wettkampf zwischen den Radfahrern um die Spitzenposition vom Fanatismus der Zuschauer oder Fans (oder Verrückten?) zunichte gemacht wurde. Du weißt, dass ich schon einige Male selbst Zuschauer an den spektakulärsten Anstiegen war. Vor vier Jahren war ich am Mont Ventoux, wo sich jetzt dieser Zwischenfall ereignete. Plötzlich läuft dort der Gesamtführende (Christopher Froome) zu Fuß hoch. Zuvor sah man einen Fan wie einen Irren vor ihm den Berg hochrennen. Es war nicht klar, was passiert war. Aber die Vermutung, dass die Fans den Fahrern keinen Platz mehr gelassen hatten und zum Stürzen brachten, damit sie selbst für wenige Sekunden im Fernsehen waren, lag nahe. Und ich fragte mich, wo das noch alles hinführen wird? Diese ganze Hascherei nach Aufmerksamkeit und danach, sich mit dem größten Mist zu produzieren? Ganz zu schweigen von den Attentaten der letzten Zeit, wenn man nur an den Vorfall in München denkt. Das alles würde jetzt hier zu weit führen, aber es macht mich so nachdenklich...

Zwei Tage nach diesem Vorfall bei der Tour de France war ich allerdings mit Anja bei einem Konzert von Element of Crime. Neben uns waren etwa 8.000 Zuschauer dort. Sie spielten in der Mitte ihres Sets den Song Am Ende denk ich immer nur an dich. Darin gibt es die Zeile "Warum blutet Mutter aus der Nase". Ohne den gesamten Text zu kennen, kann man diese Zeile nicht verstehen. Aber auch im Textzusammenhang, bin ich mir sicher, hat jeder Zuhörer ein anderes Bild vor Augen. Letztendlich aber - und Du kannst Dir denken, dass es ein ruhiger Song ist - standen dort diese Zuschauer, lauschten, hatten ihre Bilder und machten sich ihre Gedanken. Und ich freute mich, dass die Menschen von so etwas auch immer noch gerührt sind und dass mein Glaube an alles Gute weiterhin nicht zerrüttet werden darf.

 

Roquefort La Bédoule, Frankreich (August 2016)Wie angekündigt waren wir bis Anfang September für knapp zwei Wochen im Urlaub in Südfrankreich. Es war ein Urlaub wie ich ihn sehr lange nicht hatte. Ausschlafen, essen, am Strand liegen und lesen. Gerade die Tage, die wir nur am Strand verbracht haben, waren etwas Neues für mich. Lange habe ich so etwas nicht gemacht, weil es mir zu langweilig erschien. Ich habe es genossen. Aber natürlich habe ich mich auch ein paar Mal ins Meer begeben und bin ernsthaft zwischen 30 und 40 min geschwommen. Auch ein paar Läufe zwischen 6 und 11 km habe ich gemacht.

Roy Hinnens Buch Triathlon total habe ich nun auch endlich gelesen. Es hat meinen Blick- so mein jetziger Eindruck - auf Triathlon verändert. Klar, weiterhin besteht Triathlon aus schwimmen, Rad fahren und laufen, und weiterhin besteht das Training aus diesen drei Sportarten. Aber es gibt doch auch so viel Neues zu entdecken, und ich habe das Gefühl, dass ich an einer Stelle tatsächlich noch mal neu beginne, wenn ich mich an seine Trainingspläne, Vorgaben und Tipps halte. In den nächsten Monaten werde ich davon bestimmt öfter schreiben.

Kommenden Sonntag bin ich erstmal beim Halbdistanz-Triathlon am Wannsee am Start und zwei Wochen später beim Berlin-Marathon. Für beides habe ich mir nichts weiter vorgenommen, als Spaß zu haben und gut gelaunt ins Ziel zu kommen. Danach bin ich bereit, mal völlig neue Wege zu gehen, denn "ohne Veränderung der Trainingsstruktur gibt es keine veränderten Wettkampfergebnisse", wie Roy Hinnen schreibt.

Dein S.


Berlin, den 7. August 2016

Lieber B.!

8. Juli 2016: Nordberliner Zugspitzlauf

Am Freitagabend um 19 Uhr war der Start zum Nordberliner Zugspitzlauf, mein sechster Lauf im Rahmen des Berliner Läufercups. Am Tage hatte ich ein längeres Gespräch mit meinem Chef, und das Besprochene musste ich anschließend erstmal mit Anja bereden. Bin ich freitags ohnehin schon immer extrem kaputt, so fiel längeres Ausruhen dann auch noch aus. Mit wenig Elan machte ich mich auf den Weg nach Lübars zu diesem 12-km-Lauf. Erste Freude verspürte ich aber, als ich erkannte, dass ich hier vor Jahren mit meinem Schneemobil meine Runden gedreht hatte. Also ein Ort, der mir eine Zeit lang vertraut und dann völlig in Vergessenheit geraten war. Dieses Gefühl - für mich ein traurig-schönes - hat sich ja auch nach meinem Umzug eingestellt. Die Orte, die ich verlasse, bleiben doch immer meine Heimat. Besuche ich sie aber, bin ich dort der Fremde.

Nordberliner Zugspitzlauf (8.7.2016)Es waren drei Runden à 4 km und wie die Veranstaltungsbezeichnung verrät mit 225 Höhenmetern zu laufen. Doch so eine Angabe kann ich immer schlecht einschätzen. Alleine nach Betrachten des Geländes sagte ich aber zu Anja, dass ich vermutlich fünf Minuten länger brauchen werden als auf einer flachen Strecke. Dann ging es los, etwa einen Kilometer geradeaus und nach einer Linkskurve zum ersten Mal hinauf. Es war vergleichbar mit dem Weg hinauf zum Flagturm im Humboldthain, aber noch ein paar Meter länger. Oben gerade durchgeschnauft bogen wir nach rechts ab und liefen eine Rodelbahn hinab. Parallel kamen mir die ersten Läufer schon wieder entgegen. Als ich dann derjenige war, der wieder zurück und bergauf lief, und mich noch daran erfreute, wie viele Läufer sich noch hinter mir befanden, erkannte ich, dass die Ersten ein zweites Mal auf der Rodelbahn bergab und wieder bergauf liefen. Ein schönes Schauspiel, wie sich die Läuferschlange hier bergab und bergauf wälzte, das sich natürlich auch die Zuschauer nicht entgehen ließen und so hatten sie auf dem Plateau ihren Spaß. Die letzten Meter waren dann sogar so steil, dass fast jeder ins Gehen verfiel. Irgendwie kämpfte ich mich aber noch laufend hoch.

Nordberliner Zugspitzlauf (8.7.2016)Somit waren also schon drei Steigungen bewältigt, und die weitere Strecke führte uns dann leicht bergab und parallel zu den Hochhäusern des Märkischen Viertels eine Pendelstrecke entlang. Daran schloss sich die letzte Steigung an und schließlich der in Serpentinen bergab führende Schlussteil. In den folgenden beiden Runden würde sich nun zeigen, wie gut ich mir den Lauf eingeteilt hatte. Etwa ausgeglichen war die Zahl der Läufer, die ich überholte und derer, die mich überholten und vielleicht, da sie die Strecke kannten, vorsichtiger angegangen waren. Als ich mich zum dritten und vierten Mal die Rodelbahn hinauf schindete, stand Anja lachend oben. "Den Lauf machen wir nächstes Jahr auf jeden Fall wieder", sagte sie später. Also tatsächlich für Zuschauer ein kleines Spektakel. Die zweite Runde war ich etwas langsamer, doch meine Platzierung hatte ich in etwa halten können. Betrüblich, dass sich dann der Himmel über Berlin sehr verdunkelte und ein Unwetter aufkam. "Stell dich bloß unter", rief ich Anja anfangs der letzten Runde zu. Doch nachdem ich die Rodelbahn das letzte Mal bezwungen hatte, ließ der Regen schon wieder nach. Auf den ersten Metern der Pendelstrecke spürte ich dann, wie sich ein Läufer mir näherte und schließlich an mir vorbeikämpfte. Normalerweise hätte ich 1,5 km vor dem Ziel noch nicht angefangen, mich mit einem anderen Läufer wegen eines Platzes zu duellieren. Doch zwei Zufälle traten auf. Er trug die Nummer nicht wie vorgeschrieben auf der Brust, sondern an einem Gurt, der verrutscht war. So konnte ich seinen Namen lesen, der darauf gedruckt war. Das kommt bei solch kleinen Veranstaltungen aber auch so gut wie nie vor. Daher wusste ich, dass er derjenige war, der bei den anderen Rennen des Läufercups immer knapp vor mir gelegen hatte. Also blieb ich in seinem Windschatten. Als wir im Anschluss an die Pendelstrecke dann den letzten Anstieg hinauf liefen, konterte ich seinen Angriff. Er schnaufte und stöhnte; und ich hätte es auch gerne getan, doch ich gab mir keine Blöße. Die letzten 500m bergab flog ich durch die Kurven. Doch es kam kein Angriff mehr. Ich hatte genügend Meter zwischen uns gelegt und feierte meinen kleinen Sieg. Und wenn ich auch beim nächsten Lauf wieder hinter ihm bin, genau dafür habe ich mich zu dieser Veranstaltungsserie angemeldet. Man wächst einfach mal über sich hinaus und geht über sein Limit. Ein gelungener Freitagabend, den Anja und ich mit Burgern und Cola beschlossen. Das war uns mal erlaubt.

 

30. Juli 216: 10 km City-Night auf dem Ku'damm

Zum Jahresende hin werde ich sicherlich mal bilanzieren. Vorweggenommen sei aber schon mal, dass ich eigentlich an diesem Wochenende meinen jährlichen IronMan geplant hatte. Statt dessen nahm ich jetzt den Rostock-Marathon ins Programm, und so ergab es sich, dass ich mal wieder die 10 km auf dem Ku'damm am Samstagabend mitlaufen konnte. Tempotraining hatte ich in den letzten Wochen zwar kaum gemacht, war aber trotzdem guter Dinge, dass ich wieder wie zu Beginn des Jahres in Richtung 45 min laufen könnte.

10 km Berliner City-Night (30.7.2016)Zum ersten Mal gab es bei diesem Lauf eine Startblockeinteilung, so dass ich gleich in meinem Tempo loslaufen konnte. Da mein Gespür für die Dauer eines Kilometers ja ganz gut ist, ahnte ich aber, dass keine Kilometerschilder aufgestellt worden waren. Es blieb also nur, nach Gefühl zu laufen. Den Ku'damm hoch, rechts ab in die Nestorstraße und die Kantstraße zurück. Grob wusste ich, dass vor dem Abzweig zurück auf den Ku'damm und in die zweite Runde hinein km 5 war. Doch auch hier kein Schild oder eine Zeitmessmatte. Ca. 22:30 min las ich auf meiner Uhr, doch schon 50m zu früh oder zu spät abgelesen, macht so eine Zwischenzeit ja keinen Sinn. Nach km 6 winkte ich Anja und schnaufte durch. Vermutlich war ich die nächsten beiden Kilometer ein bisschen langsamer. Hätte es was genutzt meine Zeit bzw. die Kilometer zu wissen? Dem Gefühl nach habe ich alles gegeben und war auf den letzten Metern guter Dinge unter 45 min zu bleiben. Doch natürlich zogen sich diese letzten Meter, und ich konnte meine Uhr erst nach 45:12 min stoppen. Einerseits die schlechteste Zeit meiner vier 10-km-Läufe seit Dezember. Andererseits hatte ich zu Anja vorher gesagt, unter 45:30 sei okay, Hauptsache ich habe diese Zeit im Griff. Für den Rostock-Marathon sollte das auf jeden Fall auf eine Zeit in Richtung 3:40 Stunden hinweisen.

 

6. August 2016: Rostock-Marathon

Wer es nicht probiert, kann es nicht wissen. Vor zwei Wochen war ich auf dem Mauerweg von uns zu meinen Eltern gelaufen. 35,5 km im Tempo von 6 min pro km. Anja hatte mich auf dem Fahrrad begleitet, und wir hatten darüber geredet, welche Zeit ich in Rostock laufen könnte. Theoretisch und von der Grundschnelligkeit her müsste eine Zeit von 3:40 Stunden drin sein. Also wollte ich es probieren.

Rostocker-Marathon Nacht (6.8.2016): km 10Die Veranstaltung nennt sich Rostocker Marathon-Nacht, und dementsprechend war der Start um 18 Uhr. Zu Beginn liefen wir zwei Runden durch die Innenstadt. Ich startete sogar noch schneller und hatte eine ganze Zeitlang die Pacemaker für 3:30 Stunden im Visier. Ich möchte beinahe sagen, dass ich begeistert war. Das Tempo fühlte sich endlich mal wieder normal und gut an, und ich hatte keine Angst, dass ich zu schnell laufe. Nach km 6 ging es in Richtung Hafen, wo wir am Vorabend Essen waren. Danach um die Warnow herum und auf der anderen Uferseite weiter. In Richtung km 10 wurde ich zwar etwas langsamer, doch ich war genau im angestrebten Tempo. Auch bis km 15 keine weiteren Probleme, vielleicht nur ganz kleine Anzeichen, dass die Beine ein bisschen schwer wurden. Anja war immer wieder mit dem Fahrrad in meiner Nähe, aber ich erzählte wenig. Ein Marathon in dem Tempo, in dem man eben am Limit läuft, ist auch eine Sache der Konzentration. Trotzdem konnte ich aber auch mit den Zuschauern ein bisschen scherzen. Der Lauf machte Spaß.

Kurz vor km 20 näherten wir uns dann dem Warnowtunnel. Anja wartete hier, bis ich eine etwa 8-km-Runde hinter dem Warnowtunnel gelaufen war und mich dann auf den Heimweg machte. Bei Halbmarathon lief ich mit 1:51 Stunden durch und hatte vier Minuten Vorsprung auf die Halbmarathonläufer die schon ungeduldig auf ihren Start in eben vier Minuten warteten.

Dann lief ich in den Tunnel hinein, und mit einem Mal waren meine Beine tonnenschwer. Dahinter wird es bestimmt wieder besser, sagte ich mir. Leichte Steigung, Gegenwind, ich darf nicht verzagen. Wie oft bin ich erst ab km 25 richtig warm geworden. Dann kannst du doch das Ziel praktisch schon erahnen. Doch nach km 23 überholten mich die ersten Halbmarathonläufer und die Masse von über 1.000 Startern auf dieser Strecke war mir jetzt auf den Fersen. Gut, hätte ich mein Tempo halten können, wäre vielleicht ein Drittel an mir vorbeigezogen. Aber ich war schon 20 sec pro km langsamer geworden und die mich Überholenden brachten mich dann noch vollends aus dem letzten bisschen Rhythmus, den ich noch besessen hatte.

Was nun? Wie weiter? Aufgeben hatte keinen Sinn, denn wie würde ich statt dessen zurück nach Rostock kommen? Aber alleine die Tatsache, dass ich darüber nachdachte, zeigte, dass ich wusste, dass ich mich nicht mehr erholen würde. Schon überholten mich auch die 4-Stunden-Pacemaker. Dann sorgte ich mich auch um Anja, denn wie lange würde sie auf mich warten, bis sie glaubte, mich übersehen zu haben? Kurz vor km 30 wartete sie aber noch geduldig und etwas besorgt. Alles riskiert, nichts gewonnen.

Wir machten uns auf den Heimweg. Den Abschnitt bis km 30 lief ich knapp über 7 min pro km, danach steigerte ich mich noch auf über 8 min. Die zweite Hälfte lief ich in 2:44 Stunden. Versteht sich, dass da viele Gehpausen inklusive waren. Es war wie zu "besten" Zeiten bei meinen ersten IronMan. Man stapft nur noch dem Ziel entgegen. Aber das war am Ende doch auch wieder schön. Die letzten 1,5 km führten wieder durch die Rostocker Innenstadt. Obwohl ich meine bis dato schlechteste Marathonzeit in 67 Läufen um 15 min überboten hatte, war ich stolz, hatte eine Gänsehaut und kämpfte im Ziel mit den Tränen. Ein nerviger T-Shirt Spruch, den man immer mal wieder sieht: Der Schmerz geht, der Stolz bleibt. Wahr ist er trotzdem. Und irgendwie auch schön, dass ich auch auf diese Leitung stolz sein kann.

Rostocker-Marathon Nacht (6.8.2016)Eine kurze Reflektion: Seit einem Dreivierteljahr war ich nur dreimal mehr als Halbmarathon gelaufen. Tatsächlich hat mein Körper "vergessen", was ein Marathon ist. Die fortwährende Müdigkeit, die ich schon im letzten Brief beschrieben habe. Ergänzend dazu hatte ich neulich den Gedanken, dass ich einige Jahre einen "normalen" Schlaf haben müsste, um mein Defizit wieder auszugleichen. Und vielleicht auch noch die Startzeit. Zwar trainiere ich meistens gegen 18 Uhr. Aber um 20 Uhr ist mein Körper im Ruhemodus. Da konnte ich ihm nichts mehr abverlangen.

Da nun bald drei Wochen Urlaub anstehen, in denen mein Fokus nicht auf Training stehen wird, bin ich auf den Berlin-Marathon gespannt. Wie schnell (oder langsam) laufe ich dort mit einer ähnlichen Vorbereitung? Das Gute ist, meine Jahresbestzeit, die ich in Rostock mit 4:35 Stunden aufgestellt habe, kann ich auf jeden Fall angreifen. Ich erfreue mich an den kleinen Dingen, zumindest versuche ich es. Was bleibt uns sonst übrig?

Dein S.


Berlin, den 7. Juli 2016

Lieber B.!

Es wird Zufall sein, dass ich während ich die Idee entwickelte, Dir an jedem 7. eines Monats zu schreiben, das Buch Arbeit und Struktur von Wolfgang Herrndorf las. Was und wie viel auch unterbewusst geschieht, dass sollen jene beurteilen, die sich damit auskennen. Mir fiel das in dem Zusammenhang auf, dass ich seit Ende März versuche, wieder Struktur in mein Leben zu bringen. Da war der Umzug, da sind Veränderungen auf der Arbeit und da war die Knieverletzung. Aber nur mit Struktur kann man ordentlich und effektiv arbeiten, d.h. nur mit einem strukturiertem Leben kann ich dahin kommen, wo ich in gut vier Jahren sein will. Nebenbei bemerkt, um so beeindruckender finde ich diese Aufzeichnungen von Herrndorf, der nach der Diagnose "Gehirntumor" so diszipliniert und strukturiert gearbeitet hat.

Die Veränderungen auf der Arbeit will ich Dir auch kurz erzählen. Innerhalb von einem halben Jahr bin ich zweimal befördert worden. Selbstbewusst und etwas eingebildet möchte ich sagen, das war schon lange fällig und für den Einsatz endlich mal ein Lohn. Wie sich das in den nächsten Wochen und Monaten gestaltet, werde ich sehen. Klar ist aber, dass mein Arbeitsbeginn auf längere Sicht wieder vermehrt um spätestens 4 Uhr ist. Im letzten halben Jahr habe ich ja zumindest eine Woche im Monat erst um 8 Uhr angefangen zu arbeiten. Nach dieser Kenntnisnahme musste ich sofort an das Buch Triathlon Total von Roy Hinnen denken, welches ich mir zum Geburtstag gewünscht und von Anja geschenkt bekommen habe. Leider habe ich darin immer noch kaum gelesen. Aber die Anmerkung, dass ausreichender Schlaf eine der wichtigsten Komponenten im täglichen Training ist, stach mir sehr schnell ins Auge.

Storkow Triathlon (3.7.2016)Für heute zu guter letzt, im letzten Brief habe ich Dir angekündigt, im Spreewald über die Mitteldistanz trotz aller widrigen Umstände an den Start zu gehen. Aus zweierlei Gründen habe ich es nicht getan. Erstens musste ich an jenem Samstag arbeiten und hatte keine Lust, meinen freien Tag durchzusetzen, was an "zweitens" lag. Denn in dieser Woche beschäftigte mich, dass man manchmal Dinge an sich bindet und einem irgendwann bewusst wird, dass man sie wieder los werden muss. Möglicherweise plagt einen dabei ein schlechtes Gewissen, aber Ballast muss man abwerfen. Dadurch fehlte mir die Möglichkeit, im Spreewald an den Start zu gehen und einfach zu genießen, dabei zu sein.

Immerhin bin ich dann am letzten Wochenende in Storkow über die olympische Distanz am Start gewesen. Wenn Du die Ergebnisliste siehst und irgendwo meinen Namen entdeckst, wirst Du niemals denken, dass ist jemand, der berechtigt ist, so einen Traum zu haben. Aber im Schwimmen konnte ich nach neun Trainingseinheiten in diesem Jahr nicht mehr erwarten, und im Radfahren störte ein kleinerer Abszess. Dafür war ich im abschließenden Lauf zwei Minuten unter meiner angestrebten Zeit und im Ziel neun Sekunden schneller als vor neun Jahren bei meinem bisher ersten und einzigen Start in Storkow.

Dein S.


Berlin, den 7. Juni 2016

Lieber B.!

Einem Neuanfang folgt ein Neuanfang folgt ein Neuanfang... Aber zum Glück, so bin ich mir sicher, nicht bis in alle Ewigkeit.

Wenn ich mal hinsichtlich meines Sportlerlebens von Karriere sprechen darf, dann folgte dem Sturz mit daraus folgenden Knieschmerzen einer der größeren Knicks in eben dieser meiner Karriere. Dummerweise fiel in genau diese Zeit das Trainingslager mit Rupert und einem weiteren Freund. Nachdem ich acht Tage lang keinen nennenswerten Sport betrieben hatte, fühlte ich mich auf unserem ersten Radausflug über 45 km noch gut. Doch schon am nächsten Morgen konnte ich kaum gehen. Was soll man dann machen in neun Tagen? Natürlich habe ich es immer wieder aufs Neue probiert. Am Ende fragte ich mich aber doch immer öfter, ob das Knie vielleicht mehr Schaden davon getragen hat, als nur eine Prellung. Durch die vielen, vielen Jahre, in denen ich schon laufe und auch diverse Wettkämpfe Mai 2016gemacht habe, die eindeutig einem Körper nicht zu zumuten sind, bilde ich mir ein, diesen ziemlich gut zu kennen. So ist es dann eine mir in mehr als 25 Jahren fast unbekannte Erfahrung gewesen, nicht zu wissen, was ich meinem Körper antun kann.

Nach drei Tagen Regeneration in Berlin und einem Tag Schwimmtraining konnte ich aber dann doch fast wieder schmerzfrei laufen. Gleich drei weitere Tage später lief ich bei einem 6-km-Lauf mit, der auch für den Berliner Läufercup gewertet wird. Sonst hätte ich es wohl nicht getan. Und einerseits war ich zufrieden, dass mein Knie der Belastung standhielt, andererseits bin ich auf diese kurzen Strecke nun wieder mindestens zwei Minuten von der Zeit entfernt, die ich im März gelaufen bin. Ich sage dir, ich bin voller Vorfreude auf die Zeit, in der ich das Erreichte stabilisiere und dann weiter ausbaue. Und das Gute ist, ich glaube immer noch daran und kann diese Zeit kaum erwarten. Lass es den letzten Neuanfang gewesen sein...

Lange habe ich mich auch damit geplagt, den Start beim Mitteldistanz-Triathlon im Spreewald in knapp zwei Wochen wahrzunehmen bzw. abzusagen. Letztendlich habe ich mich für einen Start entschieden. Anja erzählte ich dann von der Zielzeit, und als wir uns die Ergebnisliste des letztes Jahres anschauten, mussten wir feststellen, dass nur noch fünf Sportler nach mir ins Ziel kommen würden. "Ich wollte doch vorneweg laufen und nicht hinterher", sagte ich zu ihr. Aber deswegen jetzt alle Pläne wieder umschmeißen oder den Kopf in den Sand stecken, möchte ich auch nicht. Für die nächste Zeit gilt also erstmal wieder, stolz auf das zu sein, was man erreicht und dass man überhaupt ins Ziel kommt über Strecken, die einem so selbstverständlich sind. Aber für den Großteil der Menschen erscheinen sie ja immer noch als kaum zu bewältigen.

Dein S.


Berlin, den 7. Mai 2016

Lieber B.!

Vor einer Woche bin ich umgezogen. Neben Anja, Rupert und meinen Eltern war es schön, dass noch sechs Freunde sowie eine Freundin von Anja geholfen haben. Durch die Zeit, die ich mit Anja seit nunmehr 1 1/2 Jahren verbringe, aber vor allem auch durch die Zeit, die uns das Hin- und Herfahren gekostet hat, ist natürlich Zeit für Freunde auf der Strecke geblieben. Aber da zeigt es sich dann, dass manche Freundschaften manches überstehen.

In den zwei Wochen vor dem Umzug musste ich das Training auf zwei-, dreimal die Woche eine Stunde laufen reduzieren. Neue Anschaffungen waren nötig, die neue Wohnung musste gestrichen und die alte selbstverständlich ausgeräumt werden. Vom Ärger, dass mir sieben potenzielle Nachmieter im letzten Moment abgesprungen sind und sich größtenteils einfach gar nicht mehr gemeldet haben, will ich gar nicht viel schreiben. Noch besitze ich also die alte Wohnung und durfte dank der Unzuverlässigkeit dieser Leute eine Miete mehr zahlen. Aber bis zum 15. scheine ich das Kapitel nach mehr als elf Jahren doch abschließen zu können.

Mai 2016Seit einer Woche bin ich nun also Altglienicker, und mit dreimal laufen und zweimal Mountainbike fahren begann ich hier auch eine gute Zeit. Wie erträumt konnte ich mich danach auf meine Terrasse setzen. Gestern dann flog Anja für ein paar Tage fort, ich kam nachmittags sehr müde von der Arbeit heim und raffte mich dann doch noch zum Laufen auf. Diese Müdigkeit und in diesem Zustand zu laufen kenne ich seit vielen Jahren. Dabei habe ich mir (wie viele Ultraläufer) angewöhnt, die Füße nur so weit zu heben, wie es eben nötig ist, um laufend unterwegs zu sein. Schon oft bin ich gestolpert, aber immer ging es glimpflich aus. Gestern blieb ich nach 1,5 km an einer Wegeplatte hängen. Faszinierend so ein Sturz! Wenige Sekunden - eigentlich nur ein oder zwei. Dabei zuerst der Schreck und der Gedanke, falle ich wirklich oder kann ich mich noch fangen? Dann nach zwei, drei Stolperschritten die Gewissheit, dass ich fallen werde und die bange Frage, wie werde ich fallen und was werde ich mir verletzen? Vor allem traf es mein linkes Knie. Daraus resultierend, nehme ich an, schmerzt heute besonders der Knöchel des rechten Fußes. Denn natürlich lief ich noch ca. 40 min und habe ihn wahrscheinlich überbelastet. Abschürfungen an beiden Händen und der rechten Hüfte habe ich auch davon getragen.

Tragisch oder nicht? Sicherlich nicht, denn ich denke, in drei Tagen kann ich zumindest wieder ohne große Schmerzen Radfahren. Und doch ist es nach der kleinen Zahn-OP im Januar und der Flaute im Februar schon der dritte Versuch in diesem Jahr gewesen, einem geregelten und hier nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ besserem Training nachzukommen. Blicke ich zurück, sehe ich auch (bis auf den 10-km-Lauf im Birkenwäldchen) keine Besserung, seit ich Dir vor einem halben Jahr das erste Mal an einem 7. geschrieben habe. Blicke ich nach vorne, so sehe ich übernächste Woche eine Woche Rad- und Lauftraining in Bayern mit Rupert und einem weiteren Freund und die Möglichkeit hinsichtlich der anstehenden Wettkämpfe noch dahinzukommen, wo ich hinkommen möchte. Ansonsten muss ich wohl meine Wettkampfpläne für dieses Jahr noch mal überdenken oder mich mit dem zufrieden geben, was ich auch die letzten Jahre immer erreicht habe.

Dein S.


Berlin, den 7. April 2016

Lieber B.!
Es mag sechs Jahre her sein, als ich von mir aus mit dem Rennrad in Richtung Bernau startete. Je nach dem welchen Weg ich fahre, sind es bis dorthin 20 oder 30 km. In Bernau also bin ich gut eingefahren und biege danach auf eine Landstraße ein, die nach Albertshof und weiter nach Tempelfelde führt. Dahinter geht es dann Grüntal.
Ich war früh gestartet und hatte vor, vier Stunden unterwegs zu sein. Dementsprechend wollte ich mehr als 100 km fahren, eine Strecke, die ich immer noch als sehr weit empfinde. Wenn ich so etwas in den letzten Jahren vorhatte, bereiteten mir immer der Start und die ersten Kilometer Bauchschmerzen. Aber hinter Bernau ist dann gar nichts mehr los. So war es auch an diesem Morgen. Über zwei, drei kleine Welle rollte ich Grüntal entgegen. Rechts neben der Straße Kirschbäume, die ganz zaghaft ausgeschlagen hatten und auf den Feldern ringsherum lag fast zärtlich der letzte Tau. Die Kühle kroch noch etwas an meinen Beinen entlang. Ich lag auf meinem Triathlonlenker gebeugt und fuhr in guter Geschwindigkeit jenseits der 30 dahin. Da sagte ich zu mir selbst: "Was mache ich eigentlich noch hier?" Und ich dachte an meine kleine Wohnung im Prenzlauer Berg, im Seitenflügel, im vierten Stock. Wie oft fühlte ich mich da beengt und umschlossen von zu vielen Menschen und viel zu vielen verrückten Autofahrern.
Hinter der kleinen Welle erblickte ich dann das erste Haus Grüntals. Nach einer Rechtskurve taucht es auf der rechten Seite auf. Dieses Häuschen wäre mein Traumhaus, dachte ich oft. Gleichzeitig, während ich zu mir sprach, überholten mich zwei andere Radfahrer. Ich erschrak und zuckte kurz zusammen. Seit gut einer halben Stunde war mir kein Autofahrer entgegen gekommen oder hatte mich überholt. Außerdem war ich auch relativ schnell unterwegs. Die Wahrscheinlichkeit, dass mich jemand zu dieser Stunde überholte, hätte ich vorher als sehr gering eingeschätzt. Ich weiß auch nicht, ob sie gehört hatten, dass ich gerade mit mir selbst gesprochen hatte. Vielleicht hatten sie ja sogar ähnliche Gedanken. Aber die Frage, was ich eigentlich noch hier mache, kann ich jetzt erst - sechs Jahre später - beantworten.
Und die Antwort lautet: Nichts mehr. Nach genau elf Jahren verlasse ich den Prenzlauer Berg und ziehe nach Altglienicke. Im Nachbarhaus von Anja habe ich eine Zweizimmerwohnung im Erdgeschoß und mit Garten. Das ist das, was ich mir schon so lange gewünscht habe. Ich denke und bin guter Dinge, dass eine neue Qualität Einzug in mein Leben erhält. Keine quälenden Stunden mehr, in denen ich mich mühsam zum Radtraining aufraffen muss. Dort rolle ich einfach aus der Haustür hinaus und habe im Nu die Möglichkeit, auch kürzere Strecken in Ruhe zu fahren.

10 km Birkenwäldchenlauf (20.3.2016)Vor drei Wochen bin ich beim Birkenwäldchenlauf über 10 km gestartet. Ich hatte noch nicht geschrieben, dass ich mich in diesem Jahr zum Berliner Läufercup angemeldet habe, oder? Dieser Cup besteht aus 16 Läufen, die zwischen Februar und November stattfinden und der zwei Crossläufe im Herbst über ca. 3 km, weitere Läufe zwischen 6 und 15 km sowie einen Halbmarathon beinhaltet. An vier Läufen muss man teilnehmen, um in die Wertung zu kommen, die besten acht werden gewertet. Mein Plan sieht vor, dass ich an neun Läufen teilnehme. Der erste davon war Ende Februar der 10-km-Lauf im Britzer Garten, der zweite der Lauf in meinem Düppeler Forst. Der Birkenwäldchenlauf war nun die dritte Station.
Gereizt hat mich - und es ist für mich gerade so wichtig, diese neuen Reize zu setzen - , dass ich noch an fast keinem dieser Läufe jemals teilgenommen habe. Auch das Birkenwäldchen war mir unbekannt. Doch es liegt in Treptow, und von Altglienicke aus waren Anja und ich in einer Viertelstunde hingefahren.
Mittlerweile weiß ich, dass ich bei diesen Läufen immer am Ende des ersten Drittels ins Ziel komme. So auch hier, Platz 55 von 182. Doch am Start bin ich immer wieder unsicher. Zuerst stelle ich mich etwas weiter nach hinten. Aber dann sehe ich die Kleinen, Alten, Dicken - das ist nicht respektlos gemeint - und ich weiß, im Nu werde ich auf sie auflaufen. Bei einem 10-km-Lauf finde ich es wichtig, von Beginn an, das richtige Tempo zu finden. Verlierst du wegen zu vieler Überholmanöver auf dem ersten Kilometer schon 10, 15 Sekunden, musst du die ja auch erst wieder aufholen. Stelle ich mich allerdings am Start zu weit vorne auf, laufe ich auch den ersten Kilometer 10, 15 Sekunden zu schnell und verärgere die, die mich überholen müssen. Ach, ich mag diese Läufe! Und nach inzwischen über 270 Starts irgendwo immer noch die gleichen Gedanken und die gleiche leichte Nervosität.
Wenig überraschend, nach einem halben Kilometer habe ich einige überholt, genauso wie mich ein paar andere; das Feld hat sich sortiert. Kurz winke ich Anja, aber dann muss ich auf die Wurzeln und Unebenheiten des Untergrundes achten. Nach einer Linkskurve sehe ich einen Läufer von der BSG Berliner Sparkasse vor mir und einen anderen im Triathlonoutfit. Haben sie mein Tempo? Kann ich mit ihnen zusammen laufen? Nein, sie enteilen mir. Ich überhole eine junge, hübsche Läuferin und einen etwas älteren Läufer. Bleiben sie an mir dran? Nein, ich höre sie bald nicht mehr hinter mir.
Es sind drei Runden à knapp 3 km zu laufen sowie innerhalb der ersten Runde ein Zusatzstück von etwa 1,2 km. Auf diesem Stück erblicke ich einen Läufer in Neongelb. Den hole ich mir und dann bilden vielleicht wir ein Gespann, denke ich. Gleichzeitig höre ich von hinten einen Läufer näher kommen. Ein Dreierteam, das wäre perfekt für die restlichen 7 km, finde ich. Am Ende der ersten Runde plus Zusatz laufen wir fast gemeinsam an Anja vorbei. Ich winke wieder.
Da es keine Kilometerschilder gibt, schaue ich nun nach etwa 4,2 km das erste Mal auf die Uhr. 19 min. Nun gilt es also die anderen beiden Runden in jeweils 13 min zu laufen. Den Neongelben haben wir inzwischen hinter uns gelassen, dem anderen, etwas jüngeren Läufer kann ich nicht folgen. Es ist klar, dass ich also die zweite Hälfte alleine laufen muss, alleine meinem Gefühl folgen und hoffen muss, dass ich das richtige Tempo habe. Gut ist, dass ich schon die letzten Läufer überrunde. Großartig, wenn man mit gut 13 km/h welche überholt, die etwa 9 km/h laufen. Ich fühle mich wie ein ICE, der die Regionalzüge pfeifend zurücklässt.
Nach ca. zwei Dritteln der Runde gibt es eine scharfe Linkskurve. Hier hatte ich mich eingelaufen und habe einen Orientierungspunkt. Knapp 8 min bis hierher und nun also noch 5 min Zeit. Am Spielplatz vorbei, wo vorhin Anja stand, dann am Start, wo sie jetzt steht. Das Ziel vor Augen, doch eine Runde muss ich ja noch laufen. 12:50 min für die Runde. Noch einmal diese Zeit, und ich bleibe endlich mal wieder deutlich unter 45 min. Weiterhin bin ich der ICE, und da die ersten die 10 km in 34 min laufen, haben sie mich auch nicht überrunden und eines besseren belehren können, dass ich vielleicht doch nur ein normaler Schnellzug bin.
Neben den versprenkelten letzten Läufern, an denen ich immer wieder zügig vorbeiziehe, habe ich noch eine Läuferin im Visier. Vielleicht kann ich noch an sie herankommen. Doch 8 km in den Beinen, wie viel geht noch? Bei einem Überholvorgang stolpere ich über eine Wurzel. Aufpassen! Ich erreiche die Linkskurve und bin 5 sec langsamer als in der letzten Runde. Nein, nicht schon wieder mit den 45 min bis auf den letzten Meter kämpfen. Nein, nicht schon wieder nur knapp darunter oder darüber bleiben.
Ich ziehe das Tempo an. Ich komme der Läuferin näher. Im Training bin ich in den letzten Monaten auch öfter mal einen Kilometer in etwa 4:15 min gelaufen. Das muss doch jetzt auch hier möglich sein. Ich schnaufe, ich kämpfe. Ich biege zum letzten Mal links ab und renne am Spielplatz und dann am Startgelände vorbei. Noch 200 m. Die Uhr zeigt irgendwas mit 43 min. Das muss doch klappen. Ich laufe links, überrunde einen Läufer, dahinter steht Anja. Sie hatte Angst, sagte sie hinterher, dass sie kein schönes Foto machen könnte, weil er zwischen uns war. Doch ich komme noch schnell an ihm vorbei. Dann ab nach links ins Ziel. Kein Chip am Schuh, keiner in der Startnummer. Ein Mann auf der Ziellinie ruft meine Startnummer und die Zeit: 44:37 min. Ein anderer notiert es. So einfach kann es sein.
Ich umarme Anja. Wenn du nach 45 min nicht im Ziel bist, fahre ich nach Hause und du kannst laufen, hatte sie vor dem Start gescherzt. Glück gehabt. Auslaufen muss ich mich trotzdem ein bisschen. Exakt meine Bestzeit vom Jahr 2008 erreicht, als ich mich das letzte Mal aufs schnelle Laufen konzentriert habe. Noch bin ich zwar etwas von den allerbesten Zeiten entfernt, aber der Weg stimmt mich positiv.

Und er stimmt mich immer noch positiv, auch wenn ich am letzten Sonntag beim Berliner Halbmarathon sechs Minuten über der angestrebten Zeit blieb. Ich vermute, es war der Falafel, den ich am Tag vorher gegessen hatte. Morgens saß ich zweimal auf Toilette, und der Magen rumorte. Der Start und die ersten 7 km liefen dann noch wie geplant. Aber von da an wusste ich, dass ich das Tempo nicht halten können würde. Bis km 13, wo Anja am Wittenbergplatz auf mich wartete, gab ich mir Mühe und verlor nur eine Minute. Dann sagte ich ihr, dass ich nun in Ruhe nach Hause laufe. Und das tat ich auch. Ehrlich gesagt freute ich mich auch ein bisschen über diese Erfahrung und darüber, dass ich schon so viel Erfahrung habe. Dieser Halbmarathon mit etwa 25.000 Läufern und Läuferinnen im Ziel ist auch immer wieder ein Stelldichein von Untrainierten und Unerfahrenen. Als ich bei km 18 am Straßenrand einen Läufer liegen sah, umsorgt von Zuschauern und einem Notarzt, war mir bewusst, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Mit 1:44 Stunden war ich schließlich  immer noch glatt 5 min pro km gelaufen und lag im ersten Fünftel aller Finisher.

Nun drück mir die Daumen für den Umzug, und ich schreibe Dir das nächste Mal dann aus Altglienicke!

Dein S.


Berlin, den 7. März 2016

Lieber B.!
Stagnation. Möchte ich nicht mehr.
8,3 km Berlin-Wannsee (6.3.2016)
Vergangenheit. Interessiert mich nicht mehr.
Erinnerung. Vollkommen wertlos. Hält beim Vorwärtskommen nur auf.
Mich fasziniert dieser Gedanke, dass mit großer Wahrscheinlichkeit auch ich in 30, 40 Jahren keine Lust mehr auf ein noch wahnsinnig langes Leben habe. Hast Du schon viele 80jährige erlebt, die sagen, das kann es doch noch nicht gewesen sein? Gleichwohl sagen wir als 40jährige aber, dass kann es ja noch lange nicht gewesen sein. Warum werden wir also schwermütig und lebensunlustig? Wegen der Vergangenheit und der Erinnerung. Die Erinnerung und alles, was wir mit uns herumschleppen, drückt uns nieder. Könnte ich mich an nichts erinnern, wäre ich jeden Tag aufs Neue neugierig, was da kommt.
So möchte ich nicht die Erinnerung ausblenden, aber doch zumindest gerne den ewigen Blick zurück. Ich möchte mich lösen und nicht Menschen, Dingen oder Zuständen hinterher trauern. Das müsste doch auch ein Stück Freiheit sein, oder?
Aus Vergangenheit und Erinnerung lässt sich auch die Stagnation ableiten. Denn mit dem Blick zurück bemerken wir auch, wie lange wir (schon) stagnieren. Das möchte ich nicht mehr.
Mehr dazu kann ich Dir hoffentlich am 7. April schreiben.
Läuferisch stagniere ich auch. Nach dem ich schon im Januar mit meinen Trainingsergebnissen nicht zufrieden war, bin ich es auch im Februar nicht gewesen. Außer dass ich mit meinen besten Freunden vier Tage auf Malta war und Sport einmal nicht im Mittelpunkt stand, gibt es nicht viele Gründe dafür. Es ist die ewige Müdigkeit, das Pendeln und vielleicht auch das Problem, realistische Pläne zu machen. Immerhin - und ich will heute auch nicht nur negativ schreiben - habe ich vor einer Woche die 10-km-Zeit vom Dezember halten können und gestern bei einem 8-km-Lauf durch meinen Düppeler Forst ganz gut abgeschnitten. Hinsichtlich meines Planes bis 2020 liege ich auch absolut im Soll und muss mir keine Gedanken machen.
Dein S.



Berlin, den 7. Februar 2016
Lieber B.!
In meinen letzten beiden Briefen konnte ich Dir jeweils von einem 10-km-Lauf berichten und davon, dass meine Zeiten immerhin etwas schneller werden. Am 10. Januar stand der nächste 10er in meinem Plan, aber wegen Glatteis fiel der Lauf, der zu meiner Lieblings-Winterlaufserie rund um dass Eisstadion in Wilmersdorf gehört, aus. Danach stand eine kleine Zahn-OP an, und nach einer einwöchigen Trainingspause, startete ich wieder mit einem 5-km-Lauf in einem Tempo, dass ich beim IronMan auch locker laufe. So endete der Januar mit ungefähr Dreiviertel des Trainingumfangs, den ich mir vorgenommen hatte.
Aber der Januar ist ja auch immer der Monat, um Statistiken zu schreiben. Mit dem letzten Jahr beendete ich mein 27. Jahr, in dem ich meine Schwimm-, Rad- und Laufkilometer erfasst habe. Manchmal beängstigend, denn ich bin mir nicht sicher, ob noch einmal 27 Jahre vor mir liegen. Jedenfalls habe ich in dieser Zeit knapp 1.400 km schwimmend, ca. 62.300 km auf dem Rad und rund 48.800 km laufend zurück gelegt. Das heißt, im Sommer werde ich meinen fünfzigtausendsten Kilometer laufen.
 
Wegen der kleinen Pause hatte ich etwas mehr Zeit, mir ein paar weitere Gedanken zu machen. Denn in Bezug auf meine Pläne für die nächsten Jahre schrieb mir neulich ein Freund, ich solle doch nicht ganz vergessen soll, dass ich meine Wettkämpfe so lange unter dem Motto, dass ich nur durchkommen will, angegangen bin.
Aber mit dem ersten Triple-Ultra-Triathlon vor nunmehr fast fünf Jahren, habe ich ja auch immer wieder darüber nachgedacht, ob ich auch irgendwo angekommen bin. Und wenn es denn so ist, dass ich durchgekommen und dann auch angekommen bin, dann stellt sich ja die Frage, wie es weitergehen soll. Leben ist ja nicht Stillstand, kann ja nicht Stillstand sein. Also kann man demnach eine Weile lang sagen, dass man angekommen ist, aber dann muss man neue Pläne und Ziele haben. In diesem Sinne schlage ich jetzt wohl diesen neuen Weg ein.
Dein S.

Berlin, den 7. Januar 2016

Lieber B.!
Nach dem 10-km-Lauf im Plänterwald habe ich mir eine Woche Ruhe gegönnt. Danach ging es mit einem Trainingsplan für den Halbmarathon im April in Berlin los. Allerdings schleppend. Das Weihnachtsgeschäft auf der Arbeit kam dazwischen, und so lief ich die erste Woche über nur einmal statt dreimal, absolvierte am Wochenende aber trotzdem das Intervalltraining. Der Erfolg war mäßig. Die Woche darauf ging es aber wieder besser, und das folgende Intervalltraining war erfolgreicher. Vor allem wollte ich den letzten Intervall ordentlich zu Ende bringen und war nahe an der Kotzgrenze. Da fiel mir ein, dass ich in meiner Leichtathletikzeit, etwa als ich zwölf Jahre alt war, eine kurze Zeit von Dietmar Koszewski trainiert wurde, der damals einer der besten 110-m-Hürden-Läufer war. U.a. deutscher Meister und Teilnehmer an Europa- und WeltmGrünauer Silvesterlauf (2015)eisterschaften. Er erzählte uns Jungs, die wir ihm natürlich begeistert zuhörten, dass er gar nicht mehr zählen könne, wie oft er im Training vor Verausgabung gekotzt habe. So ausdauernd und viel ich bisher auch für die Ultratriathlons und -läufe trainiert habe, es hatte oft viel mehr mit Geduld als mit Anstrengung zu tun. So bin ich im Moment vielleicht noch zu "weich". Aber ich arbeite daran, jetzt einfach mal 100 statt nur 90 Prozent zu bringen, wenn es heißt, laufe, was das Zeug hält.
Übrigens habe ich zweimal in meinem Leben bei bzw. nach einem Lauf gekotzt. Das erste Mal, als ich in der 7. Klasse war und dort der Neue und den Mädchen unbekannt. Bei einem 3-km-Waldlauf standen sie kurz vor dem Ziel und ich gab alles, um ihnen zu imponieren und um einen Platz um die 20 (von aber immerhin mehr als 100 Schülern) zu erreichen.
Das zweite Mal drei Jahre später, als ich schon ein paar Marathons gelaufen war. Bei einem Halbmarathon, der als Mannschaftslauf ausgetragen wurde, mussten sechs Mann die ersten 10 km zusammen bleiben, dann dufte einer ins Ziel "joggen". Derjenige war ich. Nachdem ich die ersten Kilometer mit den anderen wie ein Irrer gerast war, hatte ich mich bis km 10 durchgeschleppt und mich dann vom Allerfeinsten im Gebüsch übergeben.
Das Thema fiel mir übrigens auch im Weihnachtstrubel ein. Wie oft, wenn beim Paketdienst fast nichts mehr geht, dachte ich an den kommenden Sommer und an die anstehenden Wettkämpfe. So schön sind immer die Aussichten, wenn einen der Alltag "ankotzt". Dann fiel mir etwas ernüchtert ein, dass mein Training ja nun auf diesen einen Tag in ca. 4 1/2 Jahren ausgerichtet ist. Natürlich habe ich mir auch für dieses Jahr ein paar schöne Wettkämpfe vorgenommen und somit in Aussicht. Doch sie unterliegen alle diesem einen Plan. Das ist schon faszinierend in so weiter Voraussicht zu trainieren und den heutigen Alltag, wenn er nervt und stresst, mit dem einen Tag in doch weiterer Zukunft vergessen zu lassen.
Zu guter Letzt, das Training hat sich weiter ausgezahlt. Beim Silvesterlauf in Grünau wurden wir zwar falsch geleitet, und ich lief ca. 9,6 statt 10 km. Aber die Zeit war hochgerechnet eine gute halbe Minute besser als nur drei Wochen vorher im Plänterwald.
Dein S.



Berlin, den 7. Dezember 2015
Lieber B.!
Ich habe an einer Weltmeisterschaft im Double-Ultra-Triathlon teilgenommen und an einer im Triple-Ultra-Triathlon. Die Teilnahme an welcher Weltmeisterschaft fehlt mir also noch?
10 km Plänterwaldlauf (6.12.2015)Vor vier Jahren habe ich Dir nach meiner ersten Teilnahme in Lensahn geschrieben, dass ich kurz nach meiner Anmeldung gespürt habe, dass es mir möglich ist, an solch einem Wettkampf teilzunehmen und ihn auch erfolgreich zu absolvieren. Obwohl ich damals auch noch so viele Zweifel hatte und immer wieder auch von der Unmöglichkeit, diese Distanz zu bewältigen, gesprochen habe. Nun geht es mir ähnlich. Einerseits kann ich es mir fast nicht vorstellen, dass ich wirklich mal die Qualifikation für den IronMan Hawaii erreiche; andererseits spüre ich auch tief in mir, dass es vielleicht doch gelingen kann.
Ich habe dieses Unterfangen auf fünf Jahre angelegt. In dieser Zeit will ich Dich nicht allzu sehr mit allen Plänen, die heute schon stehen, langweilen. Aber ich habe mir vorgenommen, Dir am jeden 7. eines Monats zu schreiben. Darin werde ich dann natürlich auch zurückblicken und bilanzieren, welche von meinen Plänen aufgegangen sind und welche nicht.
Das wichtigste vielleicht für mich, wie ich vorhin gedacht habe, als ich beschlossen hatte, Dir zu schreiben, ist die Ausdauer, die ich jetzt von mir verlange. Früher war ich nicht fähig, mich heute für ein Ziel, dass nicht in greifbarer Nähe liegt, anzustrengen. Zu oft blicke ich (und bestimmt geht es vielen so) deshalb zurück und denke, hätte ich damals dieses oder jenes gemacht, wäre heute etwas anders, wovon ich profitieren könnte oder was mir besser gefallen würde. Das also ist für mich auch das Spannende an dieser Sache.
Im letzten Brief vom August habe ich Dir gegenüber ja schon Andeutungen in diese Richtung gemacht. Es war also vor einem Jahr, als Anja und eine Freundin von ihr mich auf diese Idee brachten. Beide sagten, wenn ich mich einmal für Hawaii qualifizieren würde, möchten sie mich unbedingt begleiten. Kann ich denn Anja diesen Wunsch abschlagen?
Dementsprechend habe ich vor einem Jahr notiert, dass ich meine Vorhaben (die drei IronMan sowie den 100-km und den 100-Meilen-Lauf) noch umsetzen möchte, aber am Jahresende erstmal wieder 10 km in 45 min laufen möchte. Eine Zeit, die ich vor knapp fünf Jahren das letzte Mal erreicht habe.
Gestern nun war dieser Testlauf im Plänterwald, und ich bin nach 44:52 min ins Ziel gelaufen. Zwar fiel es mir schwerer, als ich nach dem Training gedacht hatte. Aber was zählt, ist das Ergebnis.
Ich hoffe auf weitere positive Nachrichten am 7. Januar.
Dein S.

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